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Massaker in West Papua: Tag des Schreckens in Biak Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
Sonntag, 6. Juli 2008
Am 6. Juli 2008 wird sich das Massaker in Biak in West Papua zum zehnten Mal jähren, und immer noch hat die indonesische Regierung niemand für dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen. Ungefähr 150 Menschen wurden umgebracht und viele mehr verwundet, als Truppen, die auf direkte Anweisung des Oberbefehlshabers der Armee und indonesischen Verteidigungsministers General Wiranto handelten, mit Schnellfeuerwaffen das Feuer auf eine schlafende Menge eröffneten, die sich unter einer gehissten Flagge der Unabhängigkeitsbewegung von West Papua versammelt hatte. Die Schießerei, während der auch Anwohner aus ihren Häusern gezerrt wurden, dauerte mindestens vier Stunden. Andere Opfer wurden gefoltert und vergewaltigt, bevor sie von Marineschiffen aus über Bord geworfen wurden.

Massaker in West Papua - Ein Augenzeugenbericht von Mike Head
Ersterscheinung am 20. November 1998 - teilweise aktualisiert.

Dank der Bemühungen zweier australischer Entwicklungshelfer berichteten die Medien von einem grausamen Massaker in West Papua, das von der indonesischen Militärdiktatur am 6. Juli 1998 in der Stadt Biak angerichtet wurde. Rebecca Casey und Paul Meixner waren am Tag des Massakers in Biak, einer Stadt mit etwa 30 000 Einwohnern an der Nordküste West Papuas.

Kirchen und Menschenrechtsorganisationen veröffentlichten erste Berichte am nächsten Tag. Sie berichteten, dass gegen 5 Uhr 30 am 6. Juli zwei Marineboote Soldaten am Hafen von Biak entluden, während Herkules-Hubschrauber etwa 130 Soldaten des 733. Infanteriebataillons der regionalen Militärbasis absetzten. Sie berichteten auch, dass die Truppen das Feuer ohne Vorwarnung eröffneten. Laut weiteren Berichten verurteilte General Wiranto die gehisste Flagge in Biak als "Rebellion gegen die Regierung" und verkündete, dass die Armee gegen solche Proteste "hart durchgreifen" würde.

Indessen vertuschte die indonesischen Regierung unter Habibie dieses Verbrechen. Sie behauptete, das nur ein oder zwei Leute gestorben seien, als Soldaten die Menge auseinander trieben und die Flagge einholten. Diese Verheimlichung wurde auch noch von der australischen Regierung unter Howard unterstützt, die Ende Juli einen Nachrichtenoffizier der Armee nach Biak schickte, um Informationen zu sammeln. Die Regierung Howard ließ nichts mehr verlauten, und das Medieninteresse schlief ein.

Aber in den Tagen nach dem Massaker nahmen Casey und Meixner heimlich Zeugenaussagen auf Video auf, und sie machten Bilder und Videoaufnahmen des Tatortes, unter anderem Schusslöcher im Wassertank, an dem die Fahne hing.

Ausschnitte sind hier zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=VbbndM9U4Fs

Casey berichtet, was an diesem Morgen geschah:
Seit vier Tagen flatterte die Fahne der Unabhängigkeitsbewegung von West Papua mit dem „Stern des Morgens“-Symbol vom Wasserturm am Hafen von Biak, wo sich etwa 200 Demonstranten versammelten.
Unsere Freunde rieten uns, heute zu Hause zu bleiben. Die meisten wussten, dass ein Angriff bevorstand. Der Ortskommandeur des Militärs hatte in der Nacht angeordnet, dass alle den Wasserturm verlassen müssen.

Ab 5:30 in der Früh hörten wir Schüsse, Feuerstöße wie von Maschinengewehren. Das ging so vier Stunden lang. Uns wurde geraten, die nächsten drei Tage das Haus nicht zu verlassen, denn wenn das Militär vermutete, dass wir etwas gesehen hätten, wäre das gefährlich für uns. Aber es kamen heimlich Leute, die uns die Ereignisse beschrieben.

"In der Nacht zum 6. Juli übernachteten die Leute unter dem Wasserturm. Die Truppen eröffneten das Feuer ohne Vorwarnung. Die Menschen wurden wie Tiere niedergeschossen, egal ob sie davonrannten oder sich ergaben. Den meisten wurde in die Beine geschossen, aber einigen in den Körper.

Die Truppen drangen dann in die Häuser um den Hafen ein und schleiften die Bewohner nach draußen. Leute, die gerade von anderen Inseln im Hafen einliefen, wurden auch ergriffen. Hunderte wurden zusammengetrieben, egal ob es sich um Demonstranten handelte oder nicht, oder ob sie verwundet waren.

Sie wurden gezwungen, sich in der glühenden Sonne auf den Rücken zu legen. Die Truppen traten sie und trampelten mehrere Stunden auf ihnen herum. Dann zwangen die Soldaten sie mit Gewehrschlägen, in Richtung Gefängnis zu kriechen.

Etwa 200 Leute wurden eingesperrt, 28 pro Zelle, mit nur einem Fass Wasser für alle. Viele wurden krank. Es gab nur verdorbenen Reis und Gemüse zu essen. Nur wer sich bereit erklärte, als Informant zu arbeiten, wurde freigelassen. Sie sollten erzählen, wer die Fahne gehisst hatte, wer den Demonstranten Essen gebracht hatte, und wer die zweite Flagge gemacht hatte."

Wir dachten erst, dass etwa 20 Leute getötet worden waren und über 100 verwundet, aber das Beweismaterial deutet eher auf 150 Getötete hin. Viele der Verwundeten mussten ohne medizinische Versorgung in ihre Dörfer zurück, weil sich das örtliche Krankenhaus weigerte, sie aufzunehmen. Viele Menschen sind immer noch vermisst.

Wir hören auch, dass einige Opfer von Marineschiffen über Bord geworfen wurden. Als wir Biak nach einigen Tagen verließen, waren schon zwei Leichen an Land gespült worden. Es folgten noch viele mehr. Die indonesischen Behörden behaupteten, dies seien Opfer des Tsunamis in Papua Neuguinea gewesen, aber der war erst zwei Wochen nach dem Massaker.

Casey erklärt die Vorgeschichte der gehissten Fahne in Biak:
Als Suharto im Mai 1998 zurück trat, war die Hoffnung groß, dass die Leute von West Papua endlich aus der indonesischen Besatzung freikommen würden. Die Leute dachten, wenn sie gemäß dem Völkerrecht ihre Flagge für 72 Stunden hissten, würden sie die Unabhängigkeit erlangen. Auch glaubten sie wegen Aussagen aus Washington, Unterstützung aus den USA zu haben.

Die Lebensbedingungen unter der indonesischen Herrschaft sind extrem schlecht. Lebensmittel sind knapp und die medizinische Versorgung miserabel. Viele sterben deshalb in jungen Jahren unnötig an Malaria oder anderen Krankheiten. Die wirtschaftliche Krise tut das ihrige, z.B. mit der Verdreifachung des Reispreises.

Die Menschen in West Papua sind seit Jahrzehnten Bürger zweiter Klasse. Der Gewinn aus der Gold- und Kupfermine in Freeport und von Abholzungsfirmen, die dem Militär nahe stehen, kommt überhaupt nicht den Einheimischen zugute, die dadurch ihre Lebensgrundlage verlieren.

Casey sagte, dass sie und Meixner nach ihrer Ankunft in Australien ihren Bericht an einige Organisationen schickten, in der Erwartung, dass etwas unternommen wird. Casey: "Ich kann es nicht fassen, dass dieses Ereignis nicht mehr Empörung hervorruft".

Inzwischen hat ein australischer Student, der in Biak zu Besuch war, einen Bericht von einem örtlichen Rechtsanwalt weitergeleitet. Demzufolge sind nach dem eigentlichen Massaker 139 Leute, darunter auch Frauen und Kinder, auf zwei Marinebooten auf See verschleppt worden. Zwei Überlebende berichten, dass Frauen vergewaltigt wurden, und einige Leichen wurden zerstückelt und in Säcken versenkt. Kirchen dokumentierten die Entdeckung von 23 Leichen in Fischernetzen am 11. Juli, sechs Tage vor dem Tsunami in Papua Neuguinea. Insgesamt haben die Kirchen die Entdeckung von 70 Leichen dokumentiert.

Das Massaker hat den Widerstand gegen die indonesische Herrschaft nicht auslöschen können. Letzten Monat fanden eine Reihe von Unabhängigkeitsdemonstrationen in West Papua statt. Viele Regierungsgebäude wurden niedergebrannt. Etwa 20 Leute, unter anderem Dr. Philip Karma, der beim Massaker in Biak verhaftet wurde, sind der Rebellion oder des Hochverrats angeklagt, mit lebenslanger Haftstrafe.

Weit verbreiteter Widerstand gegen die indonesische Herrschaft
Biak ist die Hauptstadt und wichtigster Hafen der gleichnamigen Insel an der Nordküste West Papuas, oder Irian Jayas, wie das Suharto-Regime die westliche Hälfte von Papua-Neuguinea genannt hat. Das Massaker von Biak war Teil einer größeren Kampagne der Habibie-Regierung im Juli gegen Studenten und Unabhängigkeitsaktivisten in West Papua.

Im Monat davor gab es eine Welle von Protesten gegen Misshandlungen durch das Militär und gegen die Besatzung, welche zum Teil durch einen Brief ausgelöst wurde, den 15 Abgeordnete des US-Kongresses am 22. Mai an den indonesischen Präsident Habibie schickten. Der Brief, der in West Papua schnelle Verbreitung fand, mahnte Habibie dazu, "direkte, ernsthafte Verhandlungen mit den Menschen von Ost-Timor und Irian Jaya bezüglich der Menschenrechte und einer gerechten Lösung ihres politischen Status" einzuleiten.

Am 22. Juni demonstrierten etwa 100 Mitglieder ein Gruppe namens "Communications Forum of the Younger Generation of Irian Jaya" vor dem Justizministerium der indonesischen Hauptstadt Jakarta für die Freilassung von politischen Gefangenen. Justizminister Muladi lud die Gruppe zwar zu Gesprächen ein, aber er hätte keine Befugnis, die Entlassungen anzuordnen. Er sagte, dass er ihre Anliegen bei der nächsten Sitzung des Kabinettsausschusses für Sicherheit und politische Angelegenheiten vortragen werde.

Vom 1. bis zum 3. Juli gab es Unabhängigkeitsdemonstrationen in Jayapura, Hauptstadt der Provinz Irian Jaya, und in den Städten Sorong, Nabire und Biak. Am 1. und 2. Juli versammelten sich hunderte von Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude in Jayapura, wo sie gewaltsam auseinander getrieben wurden, nachdem die Abgeordneten ein Treffen verweigert hatten. Am zweiten Tag wurden 41 Menschen verhaftet, nachdem einige Gebäude mit Steinen beworfen worden waren. Einen Tag später wurden zwei Studenten nahe der Universität Cenderawasih erschossen, nachdem die Menge einen Polizeispitzel verprügelt hatte.

Auch in Sorong gab es am 2. Juli gewaltsame Zusammenstösse, nachdem tausende junge Leute vom "Reform Forum of Students and People of Sorong" neun Forderungen zur Unabhängigkeit an den Bezirksrat überbringen wollten. Als sie nicht vorgelassen wurden, brannten sie das Rathaus, einige Lagerhallen und das Auto des Landrats nieder. Die ankommenden Truppen erschossen Berichten zufolge fünf Menschen.

Der australische Außenminister Alexander Downer war mit diesen Vorfällen vertraut, als er Habibie einige Tage nach den ersten Berichten des Massakers von Biak in Jakarta traf. Sein Sprecher sagte, dass Downer "zutiefst beunruhigt" über die Berichte sei, und darüber mit Habibie gesprochen habe. Allerdings wurde der Inhalt dieser Gespräche nie bekannt gegeben.

Obwohl der Sturz Suhartos und der Brief der Kongressabgeordneten aus den USA der Anlass für den Aufschwung der Freiheitsbewegung waren, war das Hissen der Fahne wie in Biak geschehen schon seit einigen Jahren ein Symbol des Widerstandes gegen die indonesische Herrschaft. Zum Beispiel wurden im Dezember 1988 60 Leute wegen Zeigens der Flagge im Mandala-Stadium in Jayapura verhaftet. Im Laufe des Monats wurden 37 von ihnen wegen Staatsgefährdung zu zwei bis zwanzig Jahren Haft verurteilt.

Seit 1963, unter Sukarno, Suharto, Habibie, Sukarnoputri und Yudhoyono, verbreitet die indonesische Besetzung militärische Gewalt, Armut und soziale Verwahrlosung im Land. West Papua mit seiner Bevölkerung von etwa 1,8 Millionen hat einige der schlimmsten sozialen, gesundheitlichen und Bildungs-Probleme weltweit. Ein Fünftel leidet unter Mangelernährung, und bei Kindern unter fünf Jahren sind es sogar die Hälfte. Die jährlichen Gesundheitsausgaben von etwa 1 USD pro Person machen das Gesundheitssystems zum schlechtesten unter allen 27 indonesischen Provinzen, mit der höchsten Kinder- und Geburtensterblichkeit. Die Kindersterblichkeit liegt zwischen 7% und 20%. Die Analphabetenrate liegt bei 30%, doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt, und im Hochland sogar bei 80%. Und dabei hat Indonesien laut UN die niedrigsten Gesundheits- und Bildungsstandards in Südostasien.

Und den Menschen geht es nicht besser, obwohl West Papua seit Jahren große Mengen an Erdöl für das englisch-niederländische Unternehmen Shell und andere fördert. In West Papua befindet sich auch die größte Gold- und Kupfermine der Welt - die 40 Milliarden USD schwere Freeport Mine, die den Unternehmen McMoRan aus den USA, Rio Tinto aus Großbritannien und dem Jakarta-Regime gehört. Und von den 41,5 Millionen Hektar Urwald sind fast 30 Millionen für die Abholzung freigegeben worden, und viel davon ist schon abgeholzt. ...

Als die Niederlande 1949 Indonesien in die Unabhängigkeit entließen, wollten sie West Papua für eine eigenständige Existenz vorbereiten. Indonesiens damaliger Präsident Sukarno beanspruchte aber das ganze ehemalige Kolonialreich. 1962 mischten sich die USA ein, die das indonesische Militär als Verbündete gegen die UdSSR gewinnen wollten, und brachten die Niederlande dazu, West Papua als Gegenleistung an Indonesien zu übergeben.

Im August 1962 unterzeichneten die Niederlande eine Vereinbarung mit der UN und Indonesien, in der West Papua für 7 Jahre unter indonesischer Verwaltung stehen sollte, und dass dann ein Unabhängigkeitsreferendum stattfinden sollte. In diesem Referendum stimmten 1025 handverlesene "Repräsentanten" mit vorgehaltenem Gewehr einstimmig dafür, "sich Indonesien anzuschließen". Dieses Referendum wurde von UN-Beobachtern überwacht, die vom damaligen US-Berater des Außenministeriums Henry Kissinger aufgefordert wurden, großzügig über eventuelle Unregelmäßigkeiten hinwegzusehen, wie aus kürzlich freigegebenen Unterlagen hervorgeht. Wie zu erwarten wurde das Referendum daraufhin von der UN anerkannt.

Übersetzung: Thomas Schuler


 
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