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Die Korowai und Asmat im Tiefland Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
Sonntag, 30. November 2008
Besonders beispielhaft für eine Tieflandethnie sind die Korowai, die auch als Baummenschen bezeichnet werden. Sie leben in einem etwa 600 Quadratkilometer großen, überwiegend durch Sumpflandschaft geprägtem Territorium zwischen den Flüssen Eilanden und Dariam Kabur in der Provinz Merauke in West Papua. Ein Großteil der Korowai gilt aufgrund ihres schwer zugänglichen Siedlungsgebietes, den dort offensichtlich nicht vorhandenen Bodenschätzen und dem somit verbundenen ökonomischen Desinteresses, als unkontaktiert. Infolge dieser Isolation zur Außenwelt ist die materielle Kultur dieses Volkes noch in der Steinzeit verwurzelt. Sie kennen weder Töpferei, weder Metall noch Schrift. Wie alle übrigen Wanderfeldbauern mit stark ausgeprägter Jagd- und Sammelorientierung leben sie von einer aneignenden Wirtschaftsform.

ImageDie Korowai ernähren sich neben ihrem Grundnahrungsmittel dem Sago (kho) und dem kultivieren von Yams, Süßkartoffeln sowie Bananen vom Sammeln von Wurzeln, Samen, Früchten, Insekten und anderem Kleingetier (Eidechsen, fliegende Hunde) sowie vom Fischen und Jagen (Kasuar, Baumbeutler). Eine Ausnahmestellung bildet hierbei das Sago, dass aus dem Mark der Sagopalme (Metroxylon sp.) gewonnen wird. Aus den mit Holzhämmern zerstoßenen Fasern wird aus einer Palme mittels Wässerung etwa 350- 400 Kilogramm stärkehaltiges Sago herausgeschwemmt, das in Bananenblätter gewickelt gebacken wird. Bei jeder Sagoernte werden dabei stets neue Sprößlinge gepflanzt, da eine Sagopalme etwa zwölf Jahre bis zur Reife braucht. Charakteristisch für die Korowai ist jedoch eher ein relativ großes Spektrum der für die Ernährung in Frage kommenden Naturprodukten. Mit jahreszeitlichen Veränderungen wechselt die Zusammensetzung ihrer Nahrung in Abhängigkeit zur Fruchtreife oder der saisonbedingten Zunahme oder dem Rückgang verschiedener Fisch- oder Tierarten sehr stark. Als Haustiere dienen ausschließlich Hunde und Wildschweine, die sie fast wie die eigenen Babys aufziehen. Die Jagd ist reine Männersache. Neben der Jagd mit ihren Waffen findet man gelegentlich jedoch auch Fallgruben im Regenwald mit denen das Wild gefangen wird. Krokodilfleisch ist im Übrigen nur den Männern vorbehalten. Beim Fischen beteiligen sich sowohl die Männer als auch die Frauen und Kinder, wobei vier traditionelle Methoden unterschieden werden:
1. Ins aufgestaute Wasser wird Gift eingelegt, 
2. durch Reusen, 
3. durch das Bauen eines Dammes und dem späteren Auflesen der Fische aus dem ausgelaufenen Bach und 
4. mittels Pfeil und Bogen.
Ihre wildbeuterische Lebensweise ist abgestellt auf die Ausnutzung von Naturräumen, die relativ dünn besiedelt sind. Sie gehören zu jenen Ethnien, die ein erschlossenes Territorium eine Zeitlang nutzen, um später, oft erst nach Jahren, andere Gebiete zu bewirtschaften. Deswegen trifft man auch vielmals auf verlassene Baumhäuser in ihrem Siedlungsgebiet. Eine wesentliche Bedingung für den Bestand ihrer Kultur ist, dass die Regenerationsfähigkeit ihrer Umwelt erhalten bleibt. So findet häufig erst nach voller Entfaltung der Vegetation eine erneute Nutzung durch die Korowai statt. Würde sich ihr Lebensraum verkleinern oder die Bevölkerung stark anwachsen, so würden Bodenverschlechterung, Vegetationsverlust, Erosion und Wildarmut eine Weiterexistenz gefährden.

In einem Baumhaus, das in zwei Ruheplätze unterteilt ist, leben meist kleine Familienverbände bis zu acht Personen, umgeben von ihren Gärten. Wird die Gruppe zu groß, teilt sie sich. Für die Korowai ist ihr Baumhaus, das sie „Khaim“ nennen, quasi ihr Mikrokosmos. Es ist gleichsam eine Abschirmung nach Außen, bietet Schutz vor Regen und ungebetenen Gästen und gibt Wärme. Außerdem weht dort oben meist ein frischer Wind, es gibt weniger Mücken und die Korowai wähnen sich auch sicher vor dem „Khakhua“, der Hexerei. Der zentrale Mast besteht meist aus dem Stamm eines „Wambon- oder Banyanbaumes“ (vgl. Van Enck & De Vries 1997). An die Plattform, die aus Grundbalken und Sparrenhölzer gefertigt wird, werden seitlich die Wände aus Sagoblattstielen und Baumrinde befestigt. Die zusätzlichen Stützpfeiler in der Erde werden zuvor mit Blättern einer bestimmten Grasart ausgekleidet. Es soll verhindern, dass die bösen Geister und Hexer über diese Pfeiler das Baumhaus erklimmen können. Neben den Ruheplätzen befinden sich auch noch Hab und Gut und eine Feuerstelle unter dem schützenden Dach, das meist mit den Blättern der Sagopalme bedeckt ist. Die Feuerstelle ist über einem Loch im Hüttenboden mit Rattan festgebunden und besteht aus Ästen, die mit Blättern und Lehm ausgefüllt sind. Sie ist der zentrale Platz auf der Plattform des Baumhauses. Bei Brandgefahr werden die Rattanschnüre einfach gekappt, sodass die Feuerstelle auf den Boden unter das Baumhaus fällt. Während die Zugänge zu den großen Baumhäusern leiterartig (Gawil) gefertigt werden, bestehen die Zugänge bei den niedrigen Baumhäusern aus einem einzelnen einziehbaren Stamm. In ihm sind seitliche Kerben eingehauen, in die gerade ein Fuß passt. Diese sogenannten „Yafin“ sind an der Plattform befestigt und schwingen am unteren Ende frei über dem Boden, sodass jede Bewegung des Steigmastes von den Bewohnern wahrgenommen werden kann. Während der Nacht sowie bei Gefahr lässt sich der Balken ohne weiteres schnell nach oben ziehen.

Bei den Korowai gilt Geschlechtertrennung, so sind Tätigkeiten und Schlafplätze strikt geregelt. Neben Pfeil und Bogen zur Jagd besitzen sie Messer aus den Knochen des Kasuar, Steinäxte und Holzhämmer als wichtigste Werkzeuge. Ihre wenigen Schmuckgegenstände bestehen meist aus den Schwingenknochen des Flughundes, die sich die Frauen durch die Nasenspitze bohren. Dagegen sind Schweine- und Hundezahnketten seltener zu finden. Während die Frauen Röcke aus dem Bast der Sagopalme tragen, sind die Männer fast nackt. Um ihre Hüften winden sich meist nur einige Rattanringe. Ihr Penis, dessen Vorhaut mit einem Blatt gegen Ungeziefer verschlossen ist, steckt zum größten Teil im Hodensack, weswegen aus dem Hautlappen nur eine Eichellänge herausragt.
Das Weltbild der Korowai besteht aus vier konzentrischen Kreisen. Im Mittelpunkt befindet sich die Welt des klaneinteilenden Lebens, der Menschen, Tiere und Pflanzen, vor allem aber auch der immer gegenwärtigen Geister. Danach folgen die Welten des Todes, des Wassers und des Himmels. Beim Weltuntergang stürzen die Welten des Lebens und des Todes ins große Wasser in dem der Fisch „Ndewe“ lebt und alle Menschen und Tiere verschlingt. Deshalb warnen die Alten die Jungen stets vor der fremden Welt (Zivilisation) außerhalb ihres Territoriums. Die Entstehung dieser Welten schreiben sie dem Gott „Ginol“ zu.

Die Korowai sind mit den im angerenzenden Siedlungsgebiet lebenden Kumbai kulturell und sprachlich verwandt. Beide Ethnien stellen heute schätzungsweise 4000 Stammesmitglieder, die sich in verschiedene Klans unterteilen. Da viele Klans, insbesondere bei den Korowai, untereinander verfeindet sind, steht nicht die Stammeszugehörigkeit, sondern die Klanzugehörigkeit für den Einzelnen im Vordergrund. Einer, der die Sprache der Korowai spricht, ist demnach nicht gleichzeitig ein Freund und damit automatisch willkommen. Infolge dieser Einstellung lehnen ein Großteil der Korowaiklans den Kontakt untereinander und zur Außenwelt strikt ab. Beherzt verteidigen sie ihr Gebiet gegen jegliche Eindringlinge mit Pfeil und Bogen. Bei den Korowai gibt es eine territorial abgegrenzte Landnutzung, die unter den einzelnen Klans genau definiert ist. Jene sogenannten „Bolüp“ entsprechen seit Generationen den bereits von den Vorvätern erworbenen Gebietsrechten. Unscheinbare Markierungen im Sumpfwald, wie abgeknickte Äste, umgebrochene Bäume, Flussläufe oder Blätterbüschel stellen für die Klanmitglieder unveränderbare Klangrenzen dar. Nur die „Lalèo Bolüp“, die im Wald verstreuten Geisterorte, werden von einzelnen Klans nicht direkt beansprucht. An diesen Orten besteht Verbindung zwischen den Korowai und ihren Ahnen. Sie werden deshalb bei Riten oder Zeremonien klanübergreifend genutzt. Um Unheil von ihrer inneren Welt abzuhalten werden von Zeit zu Zeit an solchen Orten den Ahnen Schweine geopfert, die wiederum für das Wohlergehen des Klans zu sorgen haben. Solche heiligen Stätten stellen die absolute Autorität in den Gemeinschaften dar.

Da die Korowai buchstäblich mit ihrem Territorium verwachsen sind, würde ein unangemeldetes Betreten gleichsam einen direkten Angriff bedeuten und eine sofortige Tötung der Eindringlinge fordern. Um sich im fremden Gebiet anzukündigen, muss lautstark gesungen werden, denn nur wer singt kommt in friedlicher Absicht. Die ausschlaggebende Ursache für die Angst untereinander und den andauernden Auseinandersetzungen liegt offensichtlich in ihrem Glauben. Für alle Dinge, die ihnen unbegreiflich sind, suchen sie die Ursache bei den Geistern ihrer Ahnen oder der Zauberei. Menstruations- oder Schwangerenblut dient beispielsweise als Überträger für böse Zauberkräfte und könnte für die Männer des Klans tödlich enden. Genauso darf die menstruierende oder schwangere Frau eines Jägers nichts von dem Fleisch eines Tieres essen, dass mittels eines Jagdzaubers getötet wurde. Der Jagdzauber würde sich auch auf die Frau und das Ungeborene übertragen und unweigerlich beide töten, so glauben die Korowai.

Einen natürlichen Tod scheinen die Korowai nicht zu kennen: Grundsätzlich soll immer Hexerei (Khakhua) im Spiel sein, selbst wenn jemand an einer Krankheit stirbt. Da sie der festen Überzeugung sind, dass ein Mensch nur durch Hexerei stirbt, muss der Hexer ausfindig gemacht werden. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Sterbende sagt wer der Hexer ist- kurz vor dem Tod soll dem Sterbenden der Name des Hexers erscheinen- oder die Familienmitglieder ermitteln ihn mit Hilfe von Zaubermethoden und mittels „Torrent lark“. Hierfür werden die Fingernägel und Haare des Verstorbenen neben dem Grab versteckt. Die Korowai glauben, dass der Hexer früher oder später zu seinem Opfer zurückkehrt. Ist der Hexer ermittelt worden, wird über ihn eine Art Gerichtsverhandlung abgehalten. Da Hexer von den Mächten des Bösen getrieben werden, fordert der Klan seinen unverzüglichen Tod, sofern dieser keine Ausgleichszahlungen zu leisten imstande ist. Der „Feldzug“ wird daraufhin mit dem Schlagen der Bögen und Steinäxten auf das Baumhaus angekündigt. Die Seele des getöteten Hexers gelangt in das Reich der Toten und ist dort wieder gleichberechtigt mit den Seelen anderer Verstorbener, den Ahnen. Ist der als Hexer beschuldigte jedoch in der Lage einen materiellen Ausgleich zu zahlen, wird er verschont. Diese Todeskompensationsgeschenke dienen dem Erhalt der Bindungen der hinterbliebenen Familienmitglieder untereinander. Auch betrachten die Korowai Frauenraub oder Schweinediebstahl als normal. Ebenso die Sühne desgleichen, welche meist mit Überfällen und Tötungen gerächt wird, betrachten sie als einen Bestandteil ihres Lebens. Ewige Feindschaften zwischen den verschiedenen Klans, wie der Sayakh oder Batu, resultieren aus diesen Verhaltensweisen.

Der graziler Körperbau der Korowai, gegenüber den im Küstenbereich lebenden Asmat oder den im Hochland lebenden stämmigen Bergbewohnern (Eipo-Mek, Yale), stellt eine Art Übergangsethnie dar, die sich durch die Anpassung an ihren Siedlungsraum im sumpfigen Regenwald begründet. Einige kulturelle Übereinstimmungen mit ihren Nachbarn, wie beispielsweise Rattanschlaufen um den Bauch, Kaurischnecken, Tabakpfeifen und Tierzähne als Halsketten lassen auf einen Kulturaustausch infolge alter Handelsbeziehungen, zumindest aber Kontakte schließen.
Kaum eine Erscheinung wird jedoch so eng mit Neuguinea verknüpft wie die Kopfjagd, die unter anderen noch bis vor schätzungsweise 30 Jahren zum täglichen Leben der bereits erwähnten Asmat gehörte. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich vom Fluss Owap im Nordwesten bis zum Kutifluss in West Papua. Als ein Ausdruck magischer Glaubensvorstellungen und für die Geburt von neuem Leben verband die Kopfjagd die Welt der Geister mit den Wünschen des irdischen Lebens. Oft war auch Ansehen das Motiv auf Kopfjagd zu gehen. Bei den Asmat beispielsweise war der Status eines Mannes von der Anzahl seiner Kopftrophäen abhängig und führte manchmal zu regelrechten Raubzügen gegen ihre Nachbarn. Hat ein Mann keine Kopftrophäe mit nach Hause bringen können, wurde er von den Frauen missachtet. Denn neues menschliches Leben konnte in ihren Glaubensvorstellungen nur durch den Tod eines Menschen entstehen. Die Kopfjagd war im Glauben der Asmat also für den Fortbestand ihrer Kultur im Prinzip „notwendig“. Die Hinterbliebenen der Opfer wurden danach vielmals in die Familie der Kopfjäger aufgenommen. Bevor die Asmat auf die Kopfjagd gingen, schmückten sie sich mit Knochen, Federn und bunter Körperbemalung. Ein Überfall auf ein anderes Dorf erfolgte dabei stets am frühen Morgen. Weil es für die Asmat wichtig war den Namen ihres Opfers zu erfahren, war es notwendig es lebend zu fangen bevor ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Der Kopf wurde nach der Rückkehr ins Dorf neben der Feuerstelle im Männerhaus zum Trocknen auf einen Pfahl gespießt. Danach wurden ihm die äußeren Weichteile entfernt. Die wichtigste Zeremonie war jedoch die Entnahme des Gehirns, wobei der Schädel mit einem Steinbeil an der Schläfe geöffnet wurde. Der Verzehr des Gehirns war dabei nur den älteren Kriegern vorbehalten. Der Rest des Schädels wurde mit Asche, Kalk und Federn geschmückt und einem jungen Mann der in den Kreis der Männer aufgenommen werden sollte in Genitalnähe zwischen die Beine gelegt. Die Kraft des Getöteten sollte dadurch in ihn übergehen. In dieser Position musste der Initiant mehre Tage verharren, bevor er in die Männergemeinschaft aufgenommen wurde.

Quellen:
Van Enk & De Vries 1997: The Korowoi of Irian Jaya, Their Language in its Cultural Context. Oxford, New York (Universtity Press)
Garve, R. 1999: Vom Leben der Asmat, Kombai und Korowoi in Irian Jaya. Rudolstädter nat. hist. Schr., Suppl. 3

 
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