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Deutsche Mission und Christianisierung in West Papua Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
Sonntag, 30. November 2008
Die Entscheidung, die Hochland Papuas durch deutsche Missionare zu christianisieren, fiel am 16. 11. 1959 in der Missionshauptversammlung der „Rheinischen Missionsgesellschaft“, heute die Vereinigte Evangelische Mission (VEM), mit der Begründung: „Eile ist insofern geboten, da sonst zu befürchten ist, daß die Katholiken, die seit 1905 in West-Neuguinea arbeiten, dort mit der Arbeit einsetzen könnten... .“(VEM-Chronik: 1989: Mission im Baliem-Jalimo) VEM; u.a. Mitbegründer des West Papua Netzwerkes.

Interview vom 05. 03. 2003 mit Klaus Reuter, deutscher VEM Missionar in Anggruk:
Er erinnere sich noch wie Gestern, als er mit ein paar einheimischen Helfern eine Landepiste zur Vorbereitung einer Missionsstation anzulegen begann. Die heutige Ortschaft Kosarek im angrenzenden Mek Land gab es noch nicht, nur Regenwald und vereinzelte Dörfer der Mek, die durch ihre Kleinwüchsigkeit zu den Bergpygmäen gezählt werden. Von „Befriedung“ der damals recht kriegerischen Bergstämme konnte noch keine Rede sein. Ab und zu gab es zwischen den Klans vereinzelte Scharmützel, die oftmals auch mit rituellem Kannibalismus einhergingen. Mit vielen Geschenken habe sich Reuter von den Mek die Erlaubnis geholt, nahe der Siedlung Yoromas eine Landepiste in den Wald zu schlagen, wo später die Ortschaft Kosarek entstehen sollte. Es war die einzige Stelle in dem zerklüfteten Bergareal, die dafür wegen ihrer Ebenheit überhaupt in Frage kam.

Daraufhin hatte Reuter wochenlang mit seinen Helfern Baum für Baum mit der Axt geschlagen, bis plötzlich ein weiteres Vordringen durch die Mek untersagt wurde. Das angrenzende Waldstück war heilig, denn dort wohnten die Geister ihrer Vorfahren. Für Reuter war das ein Schlag! Ohne eine ausreichend lange Landebahn würde kein Flugzeug hier landen, und ohne Nachschub aus der Luft blieb eine Missionsstation zur Christianisierung der Mek eine Illusion. Mit weiteren Geschenken und viel Überzeugungsarbeit gelang es ihm schließlich, die Mek erneut umzustimmen. Kein Wunder, war doch der materielle Überfluss der Fremden ein Zeichen ihrer Überlegenheit für die damals noch in der Steinzeit lebenden Bergvölker. Die Mek warnten jedoch die Fremden; sie wüssten nicht, wie ihre Geister reagieren würden und verzogen sich aus Angst vor deren fürchterliche Reaktion auf die gegenüberliegende Seite des Tales. Von dort aus beobachteten sie gespannt das weitere Geschehen, als Reuter begann, die heiligen Bäume für seine Landebahn zu fällen. Aber nichts passierte. Zögerlich kamen die Mek wieder näher und als immer noch keiner ihrer Geister die Fremden zerschmetterte, begriffen sie und sagten: „Eure Götter müssen stärker sein!“
„Das war der Moment, an dem wir sie endgültig knackten“, sagte mir Reuter voller stolz auf sein Unternehmen.

Aber es lief nicht immer so. Im Jahre 1973, so Reuter, schlug sich ein Missionsangestellter aus Koropun bis zu ihm durch. Was er berichtete, wollte zunächst keiner zu glauben, erst recht nicht verstehen: die Missionsstation in Koropun sei niedergebrannt und alle Missionare von den Mek verspeist worden. Koropun war die südöstlich von Anggruk gelegen Missionsstation im Mek–Land und nur mit dem Flugzeug oder zu Fuss in tagelangen Märschen zu erreichen. Ein eilig organisierter Aufklärungsflug bestätigte den Boten: Über der zerstörten Mission stand noch Rauch und die Landepiste war durch Gräben, die die Mek gegraben hatte, unbrauchbar geworden.

Ein Hilfeschrei der VEM nach Wamena, der Distrikthauptstadt im Hochland West Papuas, rief das indonesische Militär auf den Plan. Was folgte war ein grausames Gemetzel unter den Mek, so Reuter: „Man schoss quasi auf alles, was sich bewegte.“ Damit brachte man die Mek wieder zur Räson. Erst Wochen später kam die Wahrheit ans Tageslicht. Die Missionare in Koropun, ein Holländer und ein Indonesier, hatten die Mek im Namen des Herren manipuliert, sie mit Nahrungsmitteln und jungen Mädchen kostenlos zu versorgen. Die holländischen Klubsessel, die sie sich hatten einfliegen lassen, waren das kleinere Problem. Irgendwann war den Mek die Tyrannei der beiden Heilsbringer zu viel gewesen und sie reagierten traditionell. Sie brannten das Haus Gottes bis auf die Grundmauern nieder und verspeisten die Missionare, die den Mek so viel Leid beschert hatten.

Kommentar:
Die Missionierungsgeschichte von Neuguinea ist so alt wie ihre erste Entdeckung und noch heute ist ihr Einfluss auf die einheimische Bevölkerung enorm groß. Ständig folgten Missionare im Windschatten der Eroberer, um den „Sendungsauftrag“ der katholischen Kirche zu verfolgen. Zunächst jedoch wurden sie von den „Wilden“ erfolgreich abgewehrt oder starben an Tropenkrankheiten. Mit der intensiven Kolonialisation aber fielen die christlichen Missionare in ganzen Heerscharen über die „Gottlosen“ her, um die eroberten Gebiete zu christianisieren. Meist geschah dies aus einer Haltung und Überzeugung heraus, als Heilsbringer unter gleichzeitiger Geringschätzung der Einheimischen und ihrer Lebensweise gegenüber zu fungieren. Aufgrund ihres Anspruchs als Gewissen legitimierten sie sich die bis dahin sozial ausbalancierten Gemeinschaften zu christianisieren und damit kulturell zu zerstören.

Der Christianisierung folgte ein ständiger Brandgeruch von angezündeten Geisterhäusern, Fetischen und ganzen Dörfern. Durchgreifende Erfolge konnten aber erst seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts verbucht werden. Mit der Errichtung von Kirchen und Schulen, die mittlerweile fast in allen Winkeln der Insel zu finden sind, haben die Christen einen wesentlichen Anteil zu der „Entwicklung“ Neuguineas beigetragen.

Das was in Südamerika und Afrika offenbar so gut wie als abgeschlossen gilt, ist in Neuguinea heute noch im vollen Gange. Indem sie Kulturen unterhöhlen und fest gefügte Gemeinschaften zerstören, erreichen sie die Entmündigung ihrer Opfer. Ihre Strategien wechseln, ihre Ziele und Motive aber bleiben: Den christlichen Glauben mit seinen Moral- und Wertvorstellungen verbreiten. Was bedeutet eigentlich Mission? Es ist der kirchliche Sendungsauftrag zur Bekehrung der Heiden zum christlichen Glauben. Eine angestrebte Missionierung setzt damit voraus, dass es etwas gibt, dessen Zustand verändert werden soll. Wenn also angestrebt wird etwas Bestehendes zu eliminieren, um etwas anderes zu installieren, beweist das gleichzeitig eine elementare Geringschätzung gegenüber dem Existierenden. Oft wird vonseiten der Kirche zum Vorwurf der Kulturzerstörung argumentiert, dass man verstecktes und verinnerlicht-regelndes Kulturgut nicht zerstören kann, sondern nur jene sichtbaren an der Oberfläche treibenden „kümmerlichen Reste“, wie Kleidung, Werkzeuge und Tänze.

Im Informationsblatt der „Arbeitsgemeinschaft Evangelische Mission“ ist über dieses Thema zu lesen: „Es gab Zeiten, in denen Missionare bei der Verbreitung des christlichen Glaubens militärische Gewalt als Mittel zum Zweck anwandten. Das geschah zum Beispiel bei der Eroberung Südamerikas durch die Spanier im 16. Jahrhundert. Derartiges Verhalten von Seiten der Missionen gibt es jedoch schon seit langem nicht mehr.“ (Info- Blatt der Arbeitsgemeinschaft evangelische Mission e. V. Korntal: 2000 Seite 3) Sicherlich richtig, beschränkt man sich in der Argumentation ausschließlich auf die direkte Gewaltanwendung. Wie jedoch würde man eine Arbeitsweise interpretieren, die Autonomie beseitigt und Abhängigkeit schafft?

Was ist mit der Auferlegung von Geboten im Zuge dieser Abhängigkeit, wie Schulbildung, Sprache, Monogamie, Arbeit, und was ist mit dem Erlass von Verboten, wie Initiationsriten, der Nacktheit und dem traditionellen Glauben oder Rechtswesen? Was bleibt von einer Kultur, die man mit diesen Mitteln und Methoden zu Minderwertigkeit manipuliert? Ein „kümmerlicher Rest“ von Identität, die kaum mehr dazu in der Lage ist emotionale Bindungen aufrecht zu erhalten, weil ihre ehemaligen Kulturträger deformiert worden sind.

Im selben Infoblatt ist weiterhin zu lesen: „Dort, wo Indianer sich in ihre Kultur zurückziehen und Veränderungen verweigern, sterben sie aus. Dort, wo Indianer daran gehindert werden, sich mit den neuen Lebenssituationen auseinanderzusetzen um neue Wege zu finden, sterben sie aus. Dort jedoch, wo ihnen geholfen wird, sich in einer veränderten Welt zurechtzufinden, überleben sie. Indianer und ihre Häuptlinge bezeugen, dass sie durch den Glauben an Jesus Christus aus ihrer tiefen Resignation herausgeholt wurden und neuen Mut zum Leben fanden. Und dazu helfen die Missionare,“ Annelie Schreiber, Missionarin.

Was ist in diesem Zusammenhang über die Millionen „Umerzogenen“ zu sagen, deren traditionelle Identität zerstört und eine neue aufgrund ihrer Herkunft verweigert wird? Vermag christlicher Glauben verwurzelte Identität zu bilden und schützt er vor Ausbeutung, Rassismus, Unterdrückung und Hunger? Die christliche Menschheitsgeschichte beantwortet diese Frage selbst! Wem also nutzt christlicher Glauben, wenn nicht zur Stärkung der Kirche selbst im Konkurrenzdruck zu anderen Religionen und warum halten Christen weiterhin an ihrem Sendungsauftrag fest, wenn sie doch nur „helfen“ wollen?

„Du sollst keine andere Religion neben dir dulden!“ Diese Aussage interpretieren noch heute Missionare, als Schlüssel ins gute Jenseits. Die christliche Religion rationalisiert diese Anschauung, versieht sie mit „Sinn“ und rechtfertigt sie dadurch. Sie hat einen wesentlichen Anteil an der Bildung von Gruppenidentität und Gruppenausgrenzung, von Freundes- und Feindesbildern. Im Zuge derselben christlichen Einstellung und seiner ausgeprägten Geringschätzung dem Bestehenden gegenüber wurden Millionen Menschen getötet. An dieser Wahrheit kam auch Papst Johannes Paul nicht vorbei. In sieben Bitten um Vergebung räumte er zum Jahrtausendwechsel ein, dass die Kirche bis heute gegen Toleranz und Wahrheit, gegen Frieden und die Rechte der Völker sowie die Achtung anderer Religionen gesündigt hat - seit Jahrhunderten. Auf insgesamt acht Kreuzzügen wüteten die christlichen Heere zwischen 1096 und 1291 im südöstlichen Mittelmeerraum. Der Hass der Muslime gegen die Christen hat in den damaligen Gemetzeln seinen Ursprung. So war es nur konsequent, dass dieselben Methoden auch bei den Heiden in der neuen Welt angewendet wurden, sofern sie sich weigerten, ihren Göttern abzuschwören und sich zum Gott des Christentums zu bekennen.

Die Sünde der Götzenverehrung verdiente die Strafe der Peitsche, des Galgens oder des Scheiterhaufens. Das Resultat ist ein Völkermord an 40 Millionen Indianern allein in Amerika - alles zur größeren Ehre Gottes. Vor fünf Jahrhunderten wurden dort, wie überall auf der Welt, die Menschen und das Land der Zivilisation als Sachen eingegliedert, wurden die Einheimischen und die Natur zum Objekt degradiert, im Namen des einzigen Gottes, der einzigen Sprache und der einzigen Wahrheit. Indios, Waldmenschen oder Buschmänner galten und gelten nicht als Mensch, sondern eher als Gegenstand, der nützlich oder eben überflüssig ist. Hinzu kommen die Sklaven Schwarzafrikas, die unter anderem auch mit Billigung der katholischen Kirche in die neue Welt deportiert und wie Vieh behandelt worden. Hinzu kommen die schätzungsweise zehn Millionen Opfer der Inquisition in Europa, die wegen Ketzerei und Hexerei ermordet worden und nicht vergessen werden darf die Auslöschung ganzer ethnischer Gruppen in Australien und die Unterjochung der Nichtchristen in Asien und Ozeanien. Für mich kann es nicht göttlich sein, wenn man den freien Willen des anderen nicht zulässt und akzeptiert. Es ist die Unfähigkeit des Christentums in der Vergangenheit wie in der Gegenwart sich an Gegebenheiten anzupassen. Immer noch verleiht und verteidigt die Kirche dem Menschen als Schöpfung Gottes das Recht, sich über alle anderen Lebensformen hinwegzusetzen.

Das Christentum, wie auch die monotheistischen Religionen Islam und Judentum, beziehen sich auf einen Glauben. Es ist wie eine Eintrittskarte, mit der man sich die Zugehörigkeit zu einer großen Gruppe von Menschen erkauft. Diese Zugehörigkeit nimmt einem gleichsam die schwierige Aufgabe, selbst zu denken und Verantwortung zu tragen. Ohne den blinden Glauben an die Hierarchie und an das Regelwerk würde das gesamte kirchlich- dogmatische System in sich zusammenfallen, das praktisch nur aus diesen Punkten aufgebaut ist. Ein solcher Glaube behauptet, richtiges Verhalten und unerschütterliches Wissen zu verkünden. Eine Religion aber, die Verbote und Gebote beinhaltet, die regelt und autorisiert, entmündigt auch ihre Gläubigen, die häufig nur all zu leichtfertig um jene Gewissheit, den Sinn des Lebens betreffend, ihre Unabhängigkeit ablegen. Der gläubige Mensch unterwirft sich also seiner eigenen Schöpfung und bezeichnet dies als Spiritualität.

 
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