| Diskurs Kulturbetrachtung |
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| Geschrieben von Administrator | |
| Sonntag, 30. November 2008 | |
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Das folgende Kapitel erhebt keinesfalls den Anspruch einer alles
umfassenden, anthropologischen Dokumentation. Die Ausführungen sollen
dennoch imstande sein einen ausreichenden Eindruck zu vermitteln, welch
kultureller Reichtum auf der Insel herrscht und was für ein tiefer
gehendes Verständnis von Nöten ist, die vielfältigen Kulturen als
historisch gewachsene Strukturen anzuerkennen, vor allem aber als
traditionelle Einheit zu betrachten. Diese Schnittstelle ist
unabdingbar, um die Ursachen des West-Papua-Konflikts im demografischen
Kontext zu erhellen und die Ausgangssituation der Urbevölkerung
geschichtlich und kulturell erfassen zu können.
Gerade die Verknüpfung zwischen der traditionellen und der modernen Gesellschaftsform soll dem Umstand gerecht werden, dass Menschen und Völker, die sich stets zu sich selbst verhalten müssen, sich auch immer zur eigenen Geschichte verhalten müssen. Entscheidungen darüber, was richtig oder falsch, dienlich oder verwerflich ist, werden hauptsächlich vor einem traditionellen Hintergrund gefällt. Dazu dienen Werte und Normen, Kriterien und Regeln, die auf den gewachsenen Strukturen der Vorfahren und auf dem Jahrtausende erprobten Anpassungsverhalten der Papua zu ihrem natürlichen Umfeld basieren und insbesondere auch dem sozialen Bedürfnis nach Integration, Orientierung und Identität Rechnung tragen. Kultur wird dadurch zu einem historisch abgeleiteten System von Lebensmustern, die von den Mitgliedern einer bestimmten Gruppe oder gar ganzen Kulturraums geteilt werden. Wird Geschichte und Herkunft ausgeblendet oder tabuisiert, wird dem Volk der Zugang verwehrt, entsagt man ihm damit auch die Zukunft. Denn so wie die Gegenwart eminent in die Zukunft wirkt, resultiert das, was heute ist, immer aus, dem was war. Damit betrifft der West-Papua-Konflikt zugleich drei Seiten: die der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft! Sämtliche kulturelle Indikatoren und Aspekte sollen den Kulturkomplex der Papua sowohl differenzieren, wie auch als Funktionszusammenhang ideeller und materieller Lebensäußerungen begreifen. Damit wird die Komplexität ihrer Kultur zwar rationalisiert, aber nicht auf unverbindliche Pauschalität reduziert. Obwohl die verschiedenen Kulturen Neuguineas in ihren unterschiedlichen Zonen sehr differenziert sind, lässt sich deren Vielfalt dennoch als struktureller Grundtyp definieren, weil das Prinzip des Naturvolkes im Kontext der Subsistenzökonomie bei ihnen allen verwirklicht war und oftmals noch heute vorhanden ist. Die einzelnen Kulturen kommen im Übrigen nicht als geschlossene Systeme im Sinne von Schwarz und Weiß vor, sondern bilden mit ihrem ungeheuren Varietätenreichtum fließende Gesellschaftsgefüge in allen erdenklichen kulturellen Schattierungen. Natürlich sind auch sie wieder zonenspezifisch oder regional differenziert. Im Zuge soziologischer und ethnologischer Bestimmungen ist oftmals ein weit ausufernder und diffuser Begriff von Kultur entstanden, der die Bedeutung einzelner Verhaltensweisen aufgrund deren Unbestimmbarkeit und inneren Zwecksetzung zum Gesamtkomplex sträflich vernachlässigte. So fügen sich häufig materialistische Analysen von Produktions- und Arbeitsweisen indigener Völker in das Paradigma der „Unterentwicklung“, das gleichsam als Nachweis für die überwältigende Macht und den Erfolg anderer Kulturstufen gilt. Es reicht meistens schon die Tatsache der Sesshaftigkeit (Domestikation) im Zuge der neolithischen Revolution, wie die Kultur der Ackerbauern, für ihre allgemeine Aufwertung gegenüber der schweifenden Daseinsform der Jäger- und Sammlerkultur. Als hinreichend für diese Interpretation gilt die ökonomische Effizienzsteigerung dieser Wirtschaftsform. Die mit Sesshaftigkeit fast immer gekoppelte Tierhaltung erhebt den Menschen zusätzlich aus seiner passiv konsumierenden Rolle in eine aktiv gestaltende Position. Selbstverständlich gilt auch hier das Diktat der Differenzierung. Grundsätzlich jedoch ging die komplexere ökonomische Organisation der Menschen einher mit einer umfassenderen Fremddomestikation anderer Lebensformen (Massentierhaltung). Während also das Vagantentum der Jäger und Sammlerkultur eine Anpassung der menschlichen Existenzweise an die Natur darstellt, basiert die sesshafte Daseinsweise der Ackerbaukultur Großteils auf der Anpassung der Natur an und durch den Menschen. Auch die anscheinend so aktive Rolle der Nomaden über ihr Vieh löst sich durch den Zwang der Wanderbewegung zur Suche nach Weidegründen in eine passive konsumierende Position auf. Dennoch gilt heute die Kurzformel: Sesshaftigkeit = höhere Kulturstufe, obwohl sich durch den Wechsel von der passiven zur aktiven Rolle des Menschen offensichtlich nur ein Teilaspekt von Kultur zumindest quantitativ messbar erhöhte, nämlich der ökonomische. Um einen der Gründe derart reduzierter und oftmals auch überheblicher Betrachtungsweisen zu klären, reicht ein Blick in die Geschichte. Der Begriff Ethnologie beinhaltet das griechische Wort „ethnos“, das ins deutsche übersetzt so viel wie „Stamm“ oder „Volk“ heißt, in seiner ursprünglichen Bedeutung aber als Synonym für „nichtgriechische Menschengruppen“ Verwendung fand. Dieser Sinngehalt vermittelt die explizite Aussage einer anderen und fremden Daseinsform von Menschen. Die anderen benutzten nicht nur eine fremde Sprache, sondern waren auch in ihrer ganzen Lebenseinstellung, ihrer Religion, ihren Sitten und Bräuchen sowie ihrer Wirtschaftsweise von denen der griechischen Kultur verschieden. In der Zwecksetzung des Begriffs „ethnos“ war also die Feststellung von Fremdartigkeit und damit von der griechischen Kulturstufe aus zusammenhängend von Minderwertigkeit enthalten. Die Diskriminierung anderer Daseinsformen bzw. die positive Aufwertung der eigenen Seinsweise war und ist Gegenstand derartiger Interpretationen. Dass eine solche Betrachtungsweise aber nicht allein auf die Griechen beschränkt ist, bestätigen nach wie vor historische und aktuelle Nachrichten und Interpretationsversuche von Kulturträgern über andere Kulturen, wie beispielsweise die der westlichen Rechtsträger über das islamische Recht (Scharia). Nun formuliert jedoch die moderne Ethnologie: „Menschengruppen unter dem Aspekt von spezifischen Unterschieden ihrer Daseinsform bzw. – komplementär dazu – spezifische Unterschiede der Daseinsform von Menschengruppen ... nicht unter dem Gesichtspunkt der Verschiedenheit zu einer (jeweils) eigenen, gewissermaßen als Richtschnur vorausgesetzten Daseinsform, wie es bei den Griechen der Fall war (zu interpretieren S. K.).“ Die moderne Charakteristika des Kulturbegriffs beschränkt sich also nicht nur auf die organismisch-individuellen Lebensgrundlagen, wie Nahrungsaufnahme, sexuelle Betätigung oder Schlafen an sich, weil sie menschlich allgemein und kaum differenzierbar sind. Vielmehr verknüpft sie diese Grundfunktionen der menschlich biologischen Reproduktion mit den Aspekten der Nahrungsauswahl und Regelungen des Verzehrs, sexuelle Praktiken, Sitten und soziale Institutionen usw.. Erst dadurch wird Kultur differenzierbar. Unter diesen Gesichtspunkten begreift sich Kultur, abgeleitet aus dem lateinischen „cultura“, als alles von einer Menschengruppe erdachtes, geschaffenes, akzeptiertes oder geduldetes, dass sowohl materialistischen wie ideellen Bezug hat. Kultur ist nicht etwas von der Natur vorgegebenes, gleichwohl aber geprägtes und auf ihrer Grundlage durch willentliche Innovationen von Menschen bewusst geschaffene Lebensäußerung. Eine spezifische Kultur besteht demnach aus den Ergebnissen menschlicher Handlungen, die dem von der Natur Vorgegebenen etwas hinzugefügt haben. Jegliche Verwirklichung von Kultur ist also das Resultat von Innovationen. Aber der Ursprung aller gedanklicher Operationen werden nicht von einem Kulturraum und deren Mitgliedern als Ganzes erdacht bzw. aus einer Fülle von Möglichkeiten auserwählt, sondern von einzelnen Individuen. Damit sind alle Innovationen, die von einer Gruppe Menschen als Kulturbestandteil sozial geduldet und allmählich übernommen werden primär individuellen Ursprungs, wenngleich er auf vorhandenen Kulturzusammenhängen aufbaut. Selbst wenn mehrere Individuen auf denselben Gedanken kommen oder dazu stimuliert werden, kann eine Gruppe nicht denken. Insofern existiert auch keine homogene Gruppenseele oder Gruppenpsyche, sondern eine Gruppenidentität, die die Summe aller kulturellen Innovationsergebnisse widerspiegelt. Die Methode des Einzelnen neue Innovationen einzuführen entsteht in seiner Gedankenwelt, indem er Hypothesen aufstellt und diese durch Experimente mit der Wirklichkeit, dem Naturzwang oder der ökonomischen Effektivität konfrontiert. Aus dem Erkennen des Erfolgs oder Misserfolgs seiner Hypothese lernt der Mensch und gewinnt Erkenntnis und Wissen. Insbesondere die „Kritische Theorie“ unter Federführung von Max Adler beschäftigte sich mit dem Innovationstrieb im ökonomischen Gefüge der modernen Industriegesellschaft. Als Ausgangspunkt seiner Analyse unterschied er zunächst zwischen Technologie und Technik. Während Technologie mittels in der Gedankenwelt konstruierter abstrakter Arbeitsprozesse und –mittel die theoretische Grundlage schafft, ist Technik deren praktische Umsetzung mit bestimmten Methoden, zu einem bestimmten Zweck mit bestimmten Mitteln. Damit hängt die Umsetzung von Technologie in Technik vom ökonomischen Zweck und der Mittelbereitstellung innerhalb des kapitalistischen Verwertungssystems ab. Diese wiederum zielen auf die Schaffung von Mehrwert und begründen sich in den Eigentumsverhältnissen. So kann zwar Technologie sinnvoll und geboten sein, wenn aber marktwirtschaftlich unrentabel wird sie nicht realisiert (z.B.: im Pharmabereich, wo Medikamentenentwicklung von der Erkrankungshäufigkeit abhängt). Lediglich durch gezielte Subventionierung durch das Gemeinwesen kann sinnvolle Technologie auch zur Technik werden, wie am Beispiel der geförderten regenerativen Energietechnologien zu erkennen ist. Die Kernaussage der „Kritischen Theorie“ bildet demnach die These: Nicht die Technik habe dies oder jenes für den Menschen getan, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie nach ihrem Prinzip angewendet und dadurch hervorgebracht hat, nämlich die der kapitalistischen Produktionsweise. Folgt man dieser Hypothese, dann ist der primäre Zweck der Technik in der Industriegesellschaft ihre Anwendung um der Rendite willen, erst der Sekundäre dem Menschen hilfreich zu sein. Im dialektischen Sinne, dient demnach die Anwendung der Technik der Reproduktion der kapitalistischen Verhältnisse, die sie hervorgebracht hat. Schließlich verschafft auch die Herstellung von Pfeilen dem Jäger die Möglichkeit zur Jagd. Traditionelle Kultur, wie die der Viehnomaden, Ackerbauern oder Jäger und Sammler, orientiert sich strikt an dem Diktat der physischen Mitwelt, mit ihren Beschränkungen und notwendigem Anpassungszwang, als erstrebtes Ziel der Menschen. Die Indikatoren für solche Beschränkungen sind einmal geografischer, klimatischer, floristischer und faunischer Natur und es sind die biotischen (psychischen und somatischen) Voraussetzungen der menschlichen Organismen, die unter diesen Rahmenbedingungen überleben müssen. Zur Verdeutlichung dieser Sachverhalte gilt, dass die allgemeinen Möglichkeiten für eine Kultur von der Mitwelt und dem damit verbundenen tierischen und pflanzlichen Leben sowie den vorhandenen Ressourcen beeinflusst und geprägt werden. Die natürlichen Mitweltfaktoren spielen jedoch keine aktive Rolle, sondern eine passive und begrenzende, da sie verschiedene Varianten sozio- und ökokultureller Ausprägungen zulässt. So stellt eine Savannenlandschaft den Lebensraum für Wildbeuter, wie auch für Nomaden und ihre Viehherden. Diese wiederum verformen rückkoppelnd die Mitwelt, wie die von Menschen geschaffenen Kulturlandschaften belegen. Die These lässt sich rechtfertigen, dass das Leben und die Entwicklung der menschlichen Kultur ohne diese aktive Anpassung an die Mitwelt nicht gut vorstellbar sei. Es bedarf also einer intelligenten Anstrengung mit den natürlichen und sich ständig ändernden Lebensgrundlagen fertig zu werden und mit Hilfe von reflexiven Lernerfahrungen ein weniger gefährdetes Reproduktionsniveau zu erreichen. Mit zunehmender Komplexität sozialer Beziehungen ergeben sich dann funktionale Arbeitsteilungen und Systemsteuerungen (Recht) die in höhere Anpassungskapazitäten münden, ohne die die sozialen Systeme der Menschen nicht lebensfähig sein könnten. Quellen: Rudolf, Wolfgang 1971: Kultur, Psyche und Weltbild. In: Hermann Trimborn (Hg.), Lehrbuch der Völkerkunde (4. neubearbeitete Auflage), Stuttgart Rudolf, Wolfgang 1998: Ethnos und Kultur. In: Hans Fischer (Hg.), Ethnologie. Einführung und Überblick (4. überarbeitete Auflage), Berlin, Hamburg Rudolf, Wolfgang und Tschohl, Peter 1977: Systematische Anthropologie (Uni-Taschenbuch 639). München Barnett, Homer G. 1953: The Basic of Culture Chance. New York Lorenz, K. 1973: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München, Zürich Fetscher, I. 1991: Ökologisches Problembewusstsein bei Marxisten in der Kritischen Theorie. In Ders., Überlebensbedingungen der Menschheit: ist der Fortschritte noch zu retten?, Berlin Cottrell, F. 1955: Energy und Society. New York Parson, T. 1969: Evolutionäre Universalien der Gesellschaft, in: Zapf, W. (Hrsg), Theorien des sozialen Wandels, Köln, Berlin |
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