| Die Hochlandethnie der Dani |
| Geschrieben von Administrator | |
| Sonntag, 30. November 2008 | |
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Das Baliemtal verdankt seinen Namen dem gleichnamigen Fluss, der sich
durch die fruchtbare Sohle windet. Die riesige Gebirgsspalte, mit einer
Ausdehnung von 60 Kilometern Länge und 16 Kilometern Breite, liegt im
zentralen Hochland West Papua (Indonesien) auf 1.600 Metern. Von
mächtigen Bergketten eingeschlossen, bildet das Tal mit seinen
umliegenden Höhenzügen den traditionellen Siedlungsraum der Dani, jener
Ethnie, deren typischstes Kulturgut ihre Koteka, der Penisköcher, ist.
Die Dani sind dunkelhäutig, muskulös und von gedrungener Statur.
Besonders auffallend ist ihre breite Nase. Sie leben in kleinen
Dörfern, die aus Rundhütten, dem Männerhaus und einem lang gestreckten
Kochhaus bestehen.
Die Dörfer sind mit einem hohen Zaun umgeben. Möchte man in ihr Inneres, muss man über eine Leiter durch eine enge „Pforte“ steigen. Ihr gegenüber steht das dominierende pilzförmige Männerhaus. Es stellt das Zentrum des Geisterglaubens dar und ist für Frauen tabu. Im Alter von acht Jahren erhalten die Jungen ihren Penisköcher. Sie werden bei dieser Reifefeier in den Kreis der Männer aufgenommen und ziehen in das Männerhaus. Die Rundhütten sind die Wohnstätten der Frauen und Kinder, in eisigen Nächten auch die der gehaltenen Schweine. Die Lehmbauten sind in zwei Bereiche gegliedert, deren unterer meist mit Heu ausgelegt ist. Im Zentrum befindet sich die Feuerstelle, die Tag und Nacht betrieben wird. An den verrußten Wänden hängen Pfeile, Bogen, Steinbeile und andere Gerätschaften. Der obere Bereich, die Schlafstätte, ist über einen eingekerbten Stamm zu erreichen. Die vom Feuer aufsteigende Hitze dient gleichsam als Heizung. In den an die Dörfer grenzenden Gärten bauen die Dani verschiedene Gemüse, Süßkartoffeln und vieles andere an. Die Dani widmeten sich jedoch nicht immer dem Anbau von Nutzpflanzen, sondern waren einst Jäger und Sammler und wiesen eine schweifende Lebensweise auf. Das Fehlen größerer Tiere im Hochland zwang sie schließlich dazu, sesshaft zu werden. Vor ungefähr 9.000 Jahren übernahmen sie den melanesischen Brandrodungsfeldbau und begannen feste Dorfgemeinschaften zu gründen. Bis in die Gegenwart hinein besitzen die Dani einen stark ausgeprägten Geisterglauben, den auch kulturelle Fremdeinflüsse bis jetzt oft nicht verdrängen konnten. Für sie sind jene Geister die Schatten der Toten, mit den gleichen Eigenheiten wie lebende Menschen, nur viel mächtiger. Stirbt ein Dani, wird der Tote nach rituellen Klagegesängen auf einen Hocker gebunden und mit Kaurischnecken geschmückt. Die Angehörigen bringen Geschenke wie Steine zum Tauschen oder Steinbeile, und verteilen sie an die Gäste. Danach werden Schweine geschlachtet und gegessen, bevor der Tote mit Schweinefett eingerieben und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Die Hauer und Unterkiefer der Schweine werden zur Erinnerung im Männerhaus aufbewahrt. Manchmal findet man dort auch einen mumifizierten Leichnam. Dieser hat nach Dani-Glauben eine wichtige Schutzfunktion für die Dorfgemeinschaft. Bei den Dani ist die Mumifizierung eine äußerst seltene Totenzeremonie. Nur denen, die zu Lebzeiten einen überaus bedeutenden Rang eingenommen haben, wird auch nach ihrem Tode die Ehre zuteil, weiter Anteil am Leben der Hinterbliebenen und an den Geschicken des Clans zu nehmen. Die Leiche wird nach alten Überlieferungen konserviert, indem man aus dem Verstorbenen sämtliche Innereien entfernt, ihn entwässert und anschließend monatelang im Rauch über einer Feuerstelle trocknet und räuchert. Das Baliemtal wurde erst im Jahre 1933 entdeckt. Die australischen Gebrüder Leahy waren auf der Suche nach Gold auf das im Hochland gelegene Tal gestoßen. Bis dahin galt das Innere Neuguineas als ein wildes und zerklüftetes Gebirgsareal. Von dichten Wäldern und steil abfallenden Bergen eingeschlossen, war es immer eine unüberwindbare Barriere gewesen. So hatte sich bis dahin hartnäckig die Vorstellung gehalten, dass das Innere der Insel nichts verbarg, außer eben Berge und Wälder. Seine Entdeckung war eine Sensation. In den weit verzweigten Tälern stieß man auf eine Kultur, die unberührt von anderen Einflüssen seit Tausenden von Jahren in diesem Gebiet existierte. Technisch gesehen standen ihre Vertreter auf der Stufe der Steinzeit, kannten weder Metall noch Schrift. Die Gebrüder Leahy waren die ersten Weißen, die die Bewohner des Hochlandes zu Gesicht bekamen. Fassungslos standen diese vor den Errungenschaften der westlichen Welt: Taschenlampen, Gewehre, Kameras und vieles andere hatten sie noch nie gesehen. Die Ankunft der zwei Goldsucher war jedoch nur der Auftakt zu einem Aufeinanderprallen zweier Welten, die in ihren Lebensauffassungen nicht unterschiedlicher hätten sein können. In Wamena, dem zentralen Ort des gigantischen Baliemtals, befinden sich heute die Hauptstationen aller missionierenden Konfessionen, die indonesische Polizeibehörde, viele Kirchen und Schulen sowie Tausende Wellblechhütten, die sich wie unförmige Geschwüre um den Ortskern gliedern. Gegensätzliche Welten prallen hier ohne ersichtlichen Übergang aufeinander. Auf den Straßen fahren die Autos der indonesischen Einwanderer. Es ist die Schicht, die das politische Leben bestimmt und den Kommerz kontrolliert. Auf den ehemaligen Süßkartoffelfeldern schießen Tankstellen und Industrieanlagen wie Pilze aus dem Boden. Die Dani sind nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die kulturellen Verlierer im Baliemtal. Viele umlagern die Restaurants und Hotels in der Hoffnung, ihre Steinbeile, Fingermesser oder den Kopfschmuck aus Kasuarfedern an die wenigen Touristen verkaufen zu können. Die ehemals gefürchteten Krieger demütigen sich für ein paar Rupien, jene indonesische Währung, die auch hier unter der Urbevölkerung schon lange Abhängigkeiten geschaffen hat. Der akkulturierte Mensch ist ein überwiegend geschichtliches Wesen. Er lebt im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Konfliktfähig ist er, wenn er seine Vergangenheit integrieren und seine Erfahrungen mit in die Gegenwart nehmen kann. Wenn ihm das nicht ermöglicht oder sogar verboten wird, manövriert er in die Sackgasse des Kulturkonflikts. Die Identität ist Grundlage der inneren Sicherheit und keine Frage des Alters oder der Bildung. Ein Kriterium ist die Authentizität und die Echtheit. Identität bezeichnet die Unverwechselbarkeit und vor allem die Wiedererkennbarkeit eines Menschen mit jeweils spezifischen Merkmalen und Unterscheidungskriterien. Bezieht sie sich ausschließlich auf einen importierten Glauben, nur auf eine fremde und angenommene Lebensweise, welche Unwahrhaftigkeiten und Tabus gegenüber den eigenen kulturellen Wurzeln enthält, wird die Identität immer konfliktanfällig sein. Der Soziologe Baumann definierte Identität als: „die Erfahrung, eine einzigartige, kohärente Einheit zu sein, die kontinuierlich besteht und die gleich bleibt, unabhängig von innerpsychischen Veränderungen oder solchen der äußeren Umgebung. Das Gefühl der Identität beginnt, wenn das Kind (Objekt) gewahr wird, dass es als Individuum in einer Welt mit anderen Objekten existiert, dass es seine eigenen Regungen, Gedanken und Erinnerungen hat und dass es eine eigene, von anderen unterscheidende Erscheinung darstellt.“ Indigene Völker bewegen sich sozusagen als Schwellengruppierung zwischen zwei Polen. Einmal leben sie noch in der Welt ihrer Traditionen und ein anderes Mal bereits in derjenigen der neuen Zivilisationsgesellschaft. Die Aufrechterhaltung der eigenen Identität dient vor allem dazu, die Voraussetzung für eine Verknüpfung dieser beiden Pole zu schaffen. Dieser Prozess ist bei den meisten von Unsicherheit gekennzeichnet. Er wird zusätzlich durch Stigmatisierungen von Seiten der Zivilisation verschärft, weil Indigene durch die neue Gesellschaftsform nicht als gleichwertig akzeptiert werden. Stigmatismus ist keine Eigenschaft, sondern die Betrachtungsweise von Personen. Grundvoraussetzung für eine gelungene Identitätsfindung ist die soziale Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft. Indigene Völker sind also zur Stabilisierung ihrer Identität gezwungen. Nicht nur um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, um ihre Einzigartigkeit zu behalten, sondern darüber hinaus auch um die Anerkennung ihrer Identität durch andere zu finden. Die älteren Traditionalisten leiden dabei weniger, da sie sich an der eigenen ethischen Gemeinschaft orientieren und eine Anpassung an die Zivilisation oft ablehnen. Sie gelten zu Recht als hartnäckige Verfechter der ursprünglichen Tradition. Es sind vielmehr die nachrückenden Generationen, die durch den meist aufgezwungenen sekundären Sozialisationsprozess damit konfrontiert werden, sich in zwei Kulturen bewegen zu müssen. Orientierungskrisen zwischen der eigenen traditionellen Kultur und der Zivilisation sind die Folge. Die Identitätsfindung dieser Generation leidet unter dem Zwiespalt der traditionell-familiären und der zivilisatorischen Sozialisation. Mit zwiespältigen Kulturanforderungen aufzuwachsen, bedeutet also, zwei verschiedenen Welten mit zwei verschiedenen Verhaltensformen und Regelsystemen ausgesetzt zu sein. Kulturkonflikte, Identitätskrisen und letztlich Identitätsauflösung sind somit, wie in vielen Übergangsgesellschaften, vorprogrammiert. Quellen: Baumann, W.: Fachlexikon der sozialen Arbeit. Frankfurt a. M. 1993. |