Diskurs Reproduktionsmerkmale
Geschrieben von Administrator   
Sonntag, 30. November 2008
Die folgenden Ausführungen betrachten sowohl den Ist-Zustand der traditionellen Lebensorganisation und Reproduktion der Papua wie auch die moderne, ihnen angedachte Alternative unter praktischen und theoretischen sozio-ökonomischen Gesichtspunkten. Eine tiefere Verflechtung, insbesondere zu den sozialen Komponenten und Rahmenbedingungen, ist dabei unabdingbar. Jede einzelne Papuakultur ist insbesondere durch ihren Lebensraum geprägt, der den Menschen unterschiedliche Faktoren zur Reproduktion zur Verfügung stellt. Durch die Besetzung verschiedener ökologischer Nischen im Naturgefüge der Insel entwickelten sich im Laufe der Jahrtausende viele unterschiedliche Kulturen, die sich optimal in ihre Umgebung eingefügt haben.

Ethno-ökologisch spricht man von einem ausgeprägten Ökotyp, als der best-möglichen Anpassung des Menschen an seine Mitwelt. So gibt es neben den bereits erwähnten kleinwüchsigen Hochlandethnien und den größeren Bewohnern des Tieflandes sogenannte Übergangsethnien, die sich mit ihrem Körper-Wärme-Haushalt und Mischwirtschaft ihrem spezifischen Lebensraum angepasst haben.

„In gleichem Maße steigen die Überlebens- und Fortpflanzungaussichten des begünstigten Organismus und sinken die seiner nicht in gleicher Weise neuausgestatten Brüder, die durch die Konkurrenz zum Aussterben verurteilt sind. Den Vorgang dieser natürlichen Auslese nennt man Selektion, die durch ihn bewirkte Veränderung der Lebewesen Anpassung.

Dass ein solches Anpassungskonzept kein ausschließlich biologisches Nischenverhalten darstellt, sondern eher ein Interaktionssystem mit der Mitwelt, erklärt sich daraus, dass die Einnischung langfristig unter evolutionären Gesichtspunkten keine neue Art hervorzubringen vermochte. Auch weit reichende kulturelle Übereinstimmungen sind mit bestimmten Umweltfaktoren nicht festzustellen. Dennoch wäre es ignorant zu verleugnen, dass bestimmte natürliche Mitweltbedingungen nicht nur stets ähnliche Wirtschaftsformen hervorgebracht haben, sondern auch körperliche Anpassungen selektierten, wie Körpergröße, Hautfarbe oder Knochenbau. Eine solche Anpassungskultur wird dadurch zur Vermittlungsinstanz zwischen dem Menschen und seiner Mitwelt, weil ein Großteil der gesellschaftlichen Organisation ein Reflex auf die Naturgegebenheit ist.
Solche öko-kulturellen Prozesse der Anpassung bzw. Selbstorganisation stellen zumindest für die wirtschaftliche Prägung einer Kultur einen wichtigen Teilbereich dar. Während also dichter und sumpfiger Regenwald den Jäger und Sammler favorisiert, sind fruchtbare Talböden im Gebirge optimale Voraussetzungen für den Bodenbau. Hinzu kommen soziale Anpassungsmechanismen, wie die Bevölkerungskontrolle, die nach wie vor zu Kontroversen führt: der Infantizid, die Kindestötung unmittelbar nach der Geburt, wie auch die aktive Verhütung und Abtreibung. Die Entscheidung darüber obliege der potenziellen Mutter. Doch sind in den Papuagemeinschaften individuelle auch immer kollektive, zumindest dem sozialen Komplex zuzuordnende Entscheidungen bzw. dürfen nicht entkoppelt von ihm betrachtet werden.

Nahezu alle Völker Neuguineas besitzen eine im Allgemeinen ihrem Siedlungsraum und seinen Ressourcen angepasste Lebensweise, die eingebettet in verschiedene Subsistenzwirtschaften das Grundgerüst ihrer traditionellen Existenz bilden. Für die Papua besitzen heimische Naturprodukte eine unverzichtbare Funktion, die ihre Verbundenheit zum Lebensraum begründet. In einem ganzheitlichen Modell betrachtet ist der gesamte Ernährungskomplex nichts anderes, als ein Stoffwechsel mit der Natur. Alles was lebt und gedeiht, was chemisch gebunden und physikalischen Gesetzen unterliegt, stoffwechselt miteinander. Dadurch bedingt, überträgt sich die genetisch bestimmte, biologische Organisation der Nahrungsmittel als Anpassungsmechanismus und Überlebensvorteil auf das Endglied der Nahrungskette, die Papua. Zudem verfestigt lokale Nahrung auf psychosomatischer Ebene mystische Tiefe, die ihnen verwurzelt im Bewusstsein das Verständnis zur Natur geben und sie gleichsam an ihre Umgebung mit ihrem Rhythmus koppelt. James Lovelocks Gaia Hypothese geht sogar davon aus, dass die gesamte Erde ein Organismus ist. Menschen, Tiere und Pflanzen sind in diesem System Funktionseinheiten, die miteinander und mit der unbelebten Mitwelt kommunizieren und sich wechselseitig bedingen. Demnach sind die Bäume, Gräser und Algen alle Organe der Papua, so wie Herz und Lunge von ihnen. Alles ist durch unzählige Interaktionen miteinander verbunden, sie ergänzen sich und sind abhängig voneinander. Aus diesen Beziehungen innerhalb von Natur mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen entspringt die naturverbundene Ethik der Papua, die auch die Beziehungen der Menschen untereinander und zur Natur beeinflussen und regeln. Das Funktionieren eines solchen Konzeptes unterstellt jeder Komponente in diesem System ein Höchstmaß von Eingliederung, die sich wiederum durch Abhängigkeiten zu anderen Funktionseinheiten auszeichnet. Für Unbeteiligte ist das wohl Schwierigste die Erkenntnis dieses allumfassenden Zusammenhanges, der einschließt, wenn auch nur eine Einheit gestört ist, sich diese im Extremfall lawinenartig durch Rückkopplungen auf andere Komponenten auswirken kann. Irreversible Eingriffe in natürliche Systeme zerstören damit das seit Jahrmillionen aufgrund biologischer und abiologischer Wechselwirkungen gebildete Gleichgewicht aller Faktoren. 

Bei den Papua nimmt die Jagd gegenüber dem Sammeln und dem Feldbau bzw. Waldbau quantitativ einen untergeordneten Stellenwert ein. Gejagt werden überwiegend kleinere Arten wie Baumbeutler und Vögel. Auch das Hausschwein dient weniger zur Fleischversorgung, sondern besitzt eher rituellen Charakter und Rangbedeutung. Die Hauptnahrungsquelle für tierisches Protein im Küstenbereich und in der Nähe von Flüssen ist hingegen der Fischfang.
Bei allen verschiedenen Formen ihrer Subsistenzökonomien steht am Anfang immer die Nutzung von genetischen Ressourcen, Boden und Wasser, an die sich die Verarbeitung jener Rohstoffe zu Lebensmitteln für den Menschen anschließt. Nicht Verwertbares wird idealer Weise der Ressourcenbasis (z.B.: Boden) erneut zugeführt, damit sich der Kreislauf wieder schließt. Der traditionelle Feldbau ist beispielsweise ein ökonomisches System, das seine eigenen Produktionsfaktoren schafft. In ihm wird der Zyklus der Bodenfruchtbarkeit durch natürlichen Dung (Aschedüngung), Fruchtwechsel, Brachliegen oder Unterpflanzung aufrechterhalten und zur Erhöhung des agrarischen Ertrags kombiniert. Diese traditionelle Produktion hat im Wesentlichen stets eine positive Energiebilanz. Würden wir die Nahrungsmittelproduktion der Papua aus einer ganzheitlichen ökologischen Perspektive betrachten, so ist sie demnach nichts anderes als ein gigantisches Solarpanel um Energie aus Sonne zu ernten. Noch spezifischer ist die Naturnutzung bei Jäger- und Sammlergemeinschaften, die weder das intensive Halten von Nutztieren noch ausschließlich Bodenbau betreiben und somit ein noch sensibleres Verhältnis zu Lebewesen und zum Land ihrer Ahnen haben. Sie brauchen nicht das Gefühl einer uneingeschränkten Überlegenheit gegenüber ihrer Mitwelt, wie es bei anderen Gesellschafts- bzw. Lebensformen (z. B.: die industrielle Agrarproduktion und auch Viehhirten) die organisatorische Regel ist. Das Land ist gleichermaßen für alles Leben da, auch für die Wildtiere und Wildpflanzen. Ohne damit einen Mythos zu stärken oder gar zu romantisieren sind die Papua selbstverständlich imstande die rationalen Zusammenhänge zwischen Ideellem und Materiellem, Natur und Mensch zu erkennen. Denn, auf die Folgerichtigkeit verschiedener Begründungszusammenhänge gestalten auch sie ihre Mitwelt. Kraft ihres Bewusstseins heben sie sich vom bloßen Naturprozess ab und produzieren ihre eigenen Lebensbedingungen, die materiellen wie die ihrer gesellschaftlichen Organisation. Doch muss in Anbetracht einer weitgehend egalitären Organisationsform der Papua und dem damit im allgemeinen verbundenen Fehlen einer zielstrebigen, intensiven „Kapitalakkumulation“ zur Bereicherung individueller Besitzstände betont werden, dass sie im Sinne von Mitwelt ihre Umgebung hauptsächlich ihren existenziellen Bedürfnissen angleichen. Hierfür sprechen nicht nur ihre aktiven Methoden zur Selbstbegrenzung (z. B.: die bereits erwähnte Geburtenkontrolle oder der Vorsorgeverzicht zur Reproduktionsmöglichkeit bei Pflanzen oder Tieren etc.) im öko-kulturellen Gefüge der Naturvolkgemeinschaften, sondern auch ihre primäre Abhängigkeit gegenüber der unmittelbaren Natur. Aufgrund dessen veränderten sie die Naturlandschaften Neuguineas in den vergangenen Jahrtausenden nur geringfügig und gaben ihr stets die entscheidende Möglichkeit zur Regeneration.

Im Prinzip sind alle wirtschaftlichen Bestrebungen der Papua mit ihrer Reproduktion untrennbar verknüpft, weil grundsätzlich alle Menschen als biologische Wesen Bedürfnisse haben, die befriedigt werden müssen. Die “Wirtschaft” bezeichnet also alle Handlungen von der Produktion der Leistungen und Güter durch Arbeit, über die Verteilung bis hin zum Konsum in einem bestimmten sozialen Rahmen. Güter sind materielle Dinge, die zumeist die Produkte einer Arbeit darstellen und die physischen sowie ideellen Bedürfnisse der Menschen decken. Leistungen hingegen dienen eher dazu, immaterielle Werte zu befriedigen. Als entscheidendes Moment in diesem Prozess hat sie die durch Willen und Bewusstsein vermittelte Tätigkeit der Subjekte einer jeweiligen Kultur zur Bedingung. Dabei unterliegt in allen Gesellschaften die Reproduktion des Einzelnen bzw. der Gemeinschaft den Kriterien praktischer Rationalität und ist insofern durch Reflexion bestimmt. Bei den traditionellen Papuagemeinschaften kommen die Anteile der produzierten Güter und Leistungen dem Produzenten selbst zugute. Diese Selbstversorgung wird als klassische Subsistenzwirtschaft bezeichnet. Austauschhandlungen von überschüssigen Gütern oder Leistungen außerhalb der Gemeinschaften kommen nur in geringem Maße an den Peripherien ihrer Produktionssysteme vor. Handel zur Schaffung von Mehrwert um des Mehrwerts willen und die ihm vorausgesetzte Mehrproduktion existiert praktisch nicht! Ein wichtiger Aspekt innerhalb jeglicher Ökonomie ist, dass zwar der Konsum von Gütern und Leistungen stets nach Produktion und gegebenenfalls Distribution steht, aber die Konsumwünsche der Menschen, die Befriediger ihrer Bedürfnisse, das eigentliche Ziel des Wirtschaftens darstellen. Es ist dadurch sinnvoll die Ziele vor den Produktions- und Austauschprozessen zu durchleuchten.

Die Wirtschaft ist also der Bereich jeder Papuagemeinschaft und auch modernen Gesellschaft, der zur Versorgung von Menschen mit Gütern und Leistungen zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse dient. Hierbei handelt es sich zunächst um die sogenannten Grundbedürfnisse (basic needs), ohne deren Befriedigung weder das physische Weiterleben und die Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit noch die biologische Reproduktion und das soziale Zusammenleben gesichert werden könnten. Diese Grundbedürfnisse sind in allen historischen Epochen und den verschiedensten Kulturen gleichgewichtig. Was aber den entscheidenden Unterschied zwischen den einzelnen Kulturen und sozio-ökonomischen Entwicklungsstufen ausmacht, sind die jeweiligen Befriediger (Satisfaktoren), die den Menschen zur Verfügung stehen bzw. durch sie geschaffen werden. Wie bereits erwähnt sind die Befriediger keineswegs nur materielle Dinge wie Nahrungsmittel, Kleidung, Behausung, Werkzeuge und -stoffe, sondern auch immaterielle Elemente wie Werte, Normen und religiöse Vorstellungen, die mit den Grundbedürfnissen nach Identität, Schutz, Zuwendung und Partizipation wechselseitig verbunden sind41. Doch wie erwähnt sind nicht die Grundbedürfnisse kulturell determiniert, sondern die Befriediger dieser Bedürfnisse. Es liegt auf der Hand, dass deren Sinnstiftung, Anzahl und Qualität durch das Vorhandensein natürlicher Ressourcen, Klima, den technologischen Entwicklungsstand, Innovationen in den einzelnen Lebensbereichen und viele andere Faktoren bestimmt werden. Soziale bzw. kulturelle Umorientierung ergibt sich immer dann, wenn traditionelle Befriediger aufgegeben und durch neue ersetzt werden42. Ein solcher Wandel - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität - ist ebenfalls für alle historischen Epochen und Kulturen festzustellen.

Aus diesem Komplex der sozialen Organisationsform einer Gesellschaft erwächst ein weiteres “Bedürfnisfeld”, das aufgrund seines fließenden Überganges nicht eindeutig abzugrenzen ist: die Statusebene, die nicht mehr zu den menschlichen Grundbedürfnissen gezählt werden kann. Im Allgemeinen wird der Status zu den konsumierenden Leistungen gerechnet, obwohl er sehr eng mit einer materiellen Befriedigung korrespondiert. Hierbei handelt es sich einerseits um Objekte, deren hauptsächliche Funktion der Wertträger oder das Symbol für Status und Prestiges ist und andererseits auf soziale Stellungen, die zu Vorteilen verschiedenster Art im machtpolitischen Gefüge einer Gesellschaft führen. Die mit Status und Prestige verbundenen Rechte und Ansehen von meist privilegierten Minderheiten sind von Kultur zu Kultur unterschiedlich ausgeprägt. Dieses soziale Organisationsmerkmal bezieht sich insbesondere auf elitäre Gesellschaften zwischen Kasten, Klassen oder Schichten, die intern zwischen sich selbst und extern gegenüber anderen Gesellschaften sehr stark wettbewerbsorientiert ausgerichtet sind. Bei ihnen dreht sich oftmals vieles um das Erlangen dieser Wertträger und wenn möglich zu ihrer Vermehrung. Jene für die Befriedigung der immateriellen Grundbedürfnisse wichtigen sozialen Bindungen der Menschen untereinander treten mit steigendem Status- und Prestigedenken in anonymen Großgesellschaften extrem in den Hintergrund. Soziale Identitäten und Verbindlichkeiten werden kategorisiert, automatisiert und das Subjekt wird im gesellschaftlichen Zusammenhang objektiviert. Es die Folge des Umstands, dass Menschen aufgrund ihrer eigenen sozialen Position und Reflexion zu ihr stets bestrebt sind in kasten-, schichten- oder klassenorientierten Gesellschaften eine höhere statusbezogene Ebene zu erreichen bzw. deren Befriediger zu erlangen. Unweigerlich kollidieren sie dadurch mit den Interessen der jeweiligen Status- und Gesellschaftsträger, weil Privilegien stets an die Minderheit gekoppelt sind, die die Elite einer sozialen Organisationsform repräsentieren. In diesem Konflikt der sozialen Differenzierung innerhalb einer Gesellschaft liegen die meisten Gründe struktureller und individueller Gewalt.
Die Normsetzung für jeglichen Konsum in elitären Organsiationsformen erfolgt dabei stets durch die höhere Ebene, an der sich die untere orientiert. Gebote und Verbote für Konsum, Kapitalmacht und -ohnmacht, Inklusion in oder Exklusion aus gesellschaftlichen Vorgängen bestimmen und reproduzieren permanent die Ungleichheit. Es ist die immanente Bestimmung der elitären Organisation.

Infolge dieser auf Privilegien beruhenden zentralisierten Entscheidungsbefugnis über andere negierte sich die rationale Kompetenzverleihung durch andere und damit einhergehend auch das Verhältnis zwischen Kompetenz und Autorität. Darauf basiert die Hierarchie. Entscheidend hierbei ist, ob man Autorität hat oder Autorität ist. Letztere beruht auf Kompetenz und Erfahrung, Erstere ist übergebener und auf Macht gestützter Struktur. In den traditionellen Papuagemeinschaften gibt es Autoritäten, die nach ihren Anforderungen unterschiedlich, temporär und vor allem an den Solidargedanken gekoppelt sind. Elementare Kriterien dafür sind Alter, Erfahrung, Leistungsfähigkeit oder Persönlichkeit.

Die Einhaltung der Normen durch die unteren Schichten wird im Allgemeinen durch informelle soziale Sanktionen, wie Missbilligung des Verhaltens oder juristische Maßnahmen erreicht. Werden jedoch diese Ungleichheiten angezweifelt oder die Gleichheit eingefordert, schlägt die “Gleichgültigkeit des sozial und wirtschaftlichen Apparates der Elite” rasch in brutale Unterdrückung und sogar in Gewalt um. Jedes elitäre System muss sich des Gehorsams seiner Mitglieder sicher sein und die unteren Ränge müssen wissen, wo in einer ordentlichen Welt ihr Platz ist, sonst gäbe es keine Elite. Schon Adam Smith, der oft in anderer weise erwähnte Ökonom des Kapitalismus, wies darauf hin, dass die politischen Führer (geführt durch die Kapitalbesitzer S.K.) nur ihre eigenen Interessen verfolgen und nicht die der Bevölkerung; der Klassenkrieg im Inneren (und Äußeren S.K.) einer Nation ist intergraler Bestandteil (des Systems S.K.)... Die gleiche Verteilung der Ressourcen und des erschaffenen Mehrwerts der Produktion gilt in einer solchen Ordnung nicht als erstrebenswertes Ziel. Demnach beschränkt sich der Wert der Gleichheit auch nur auf die ihnen zugewiesene Funktion der Menschen.
Auch der Wandel der Konsumnormen und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erfolgt üblicher Weise von Neuerungen und Richtlinien, die durch anerkannte “Persönlichkeiten” des höheren Status (Macht) eingeführt werden. Das heißt, dass die gleichen Grundbedürfnisse auf verschiedenste Weise befriedigt werden können, sobald neue Maßstäbe und Leitlinien als Mittel zum Konsum anerkannt sind. Fokussiert betrachtet zeigt sich, dass bei allen Kulturen der Wert von Konsumgütern und Leistungen lediglich unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Einerseits wird er an seiner Brauchbarkeit in Hinblick auf die angestrebten Ziele zur Befriedigung der Grundbedürfnisse oder andererseits mit dem Prestige bzw. Status verglichen, der oftmals mit intensivem Konsum verbunden ist.

Die Produktion bildet dabei den Ausgangspunkt für Güter und Leistungen und unterteilt sich in jeder Kultur in ähnliche Faktoren, um Kapital zur langfristigen Existenzsicherung schaffen zu können. Neben der Arbeitskraft und Kenntnisse von Menschen benötigt jede Art von Produktion auch natürliche Ressourcen, wie Landflächen, Gewässer oder Tiere. Aber erst durch die Einbeziehung von technischen Hilfsmitteln als letzte Komponente wird die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen ermöglicht. Dies sind die Produktionsmittel, wie Werkzeuge, Gerätschaften und auch Saatgut, die selbst aber bereits Produkte sind und erst geschaffen werden müssen. Als Ausgangskapital werden sie teilweise dem Kreislauf der Produktion wieder zugeführt, um weiteres Kapital zu akkumulieren. Hierzu gehören selbstverständlich auch Transportmittel zur Beschaffung natürlicher Ressourcen für die Produktion. Bei allen Kulturen ist das Streben nach Kapital nachgewiesen worden und sind in der Tat in gewissen Umfang existenznotwendig. Selbst unter den Wildbeutern Neuguineas findet man stets ein sinnreiches Arsenal an Waffen. Der wichtigste Produktionsfaktor und den die anderen lenkend ist die Arbeit, insbesondere die Fertigkeit und Geschicklichkeit des Menschen mit den Produktionsmitteln und Ressourcen. Alle Komponenten erweitern den Aktionsradius und die ökonomische Effektivität beträchtlich, erhöhen jedoch ebenso den Verbrauch natürlicher Ressourcen.

Hinsichtlich der organisatorischen Aspekte der Produktion ist in allen Kulturen Arbeitsteilung und Koordination vorzufinden, nicht jeder verrichtet also jede Arbeit. Erhebliche Unterschiede herrschen jedoch in der Ausprägung des Spezialisierungsgrades und vor allem in der Organisation an sich. In den sozial gering differenzierten Gemeinschaften der Papua findet man eine wenig ausgeprägte Arbeitsteilung vor, die bei ihnen fast ausschließlich auf Geschlecht und Alter beschränkt ist. Die berufliche Spezialisierung entwickelte sich hingegen in „Hochkulturen“, wo bestimmte arbeiten oder Berufsgruppen auch nach ethnischen Untergruppen, Kasten, Klassen oder Schichten entstanden sind. Dabei bestimmt die Komplexität des Arbeitsbereiches auch immer die Organisationsform des Subjekts. So sind bei den Papua die Handlungen darauf beschränkt, die eine kleine Gruppe oder auch Einzelne ausführen können, aber schon bei Jägern durch eine komplexere Organisation, wie eine gemeinsame Treibjagd, existenznotwendig sein können. Entscheidend dabei ist, dass die Papua ihre Arbeit selbst organisieren. Größere Vorhaben, wie dem Bau von Tempeln und Brücken, oder gar die Komplexität von industriellen Großbetrieben bedingen eine extreme Gliederung der Arbeitsbereiche, die folglich einer Fremdorganisation bedarf. Die Mobilisierung großer Gruppen von Menschen zu solch komplexen Arbeitsprozessen waren anfänglich Sklaven-, später Frohnarbeitssysteme, die von den Eliten geschaffen wurden. Der industrielle Arbeitsmarkt heute funktioniert in seinen Grundbedingungen ähnlich. Die ehemalige Oligarchie der Sklavenhalter sind dem Stande nach die Eigentümer der Produktionsmittel und verfolgen ihre partikularen Profitinteressen nach der alten übernommenen Devise: Maximum an Profit, Minimum an bezahlter Arbeit. Auch die Beamten der Kolonialmächte erkannten diese äquivalente Beziehung: ... das gewünschte Ziel zu erreichen, “eine sklavische Masse in eine geordnete und glückliche Bauernschaft zu verwandeln”, die im Wesentlichen die gleichen Aufgaben ausführt wie vor der Befreiung, während die “Oligarchie der Sklavenhalter” zu einer “natürlichen Oberschicht” wird.

Wer demnach von Arbeit spricht, drückt keineswegs nur die Tatsache aus, dass ja alle Menschen in jeder nur denkbaren Gesellschaft arbeiten müssen, um ihren Fortbestand zu garantieren. In traditionellen Papuagemeinschaften gibt es keine Trennung von Arbeit und Freizeit und alle Tätigkeiten zur Reproduktion sind auch immer in soziale Verbindlichkeiten integriert. Im Gegensatz dazu erfolgt die Betrachtung und Bewertung von moderner Arbeit im engeren Sinne so, dass diese von anderen Lebensbereichen fundamental entkoppelt ist. Sie bildet gewissermaßen eine eigene, aus den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhängen herausgelöste Sphäre. Das Individuum hat sich inzwischen an diese Betrachtungsweise gewöhnt und akzeptiert widerspruchslos die „Zerlegung“ seiner Existenz in einen „produktiven Menschen“ und einen „Privatmenschen“. Er ist einerseits also fremd- und andererseits selbst organisiert. Auch „Selbstständige“ beugen sich konsequent dem Primat der Rendite. Diese schizophren erscheinende „Zergliederung“ des Menschen bildet den Kern der modernen Gesellschaft. Deswegen hat Arbeit im Selbstverständnis der meisten Menschen in der modernen Gesellschaft weniger eine soziale Funktion, sondern dient dem Einzelnen bzw. der Familie vielmehr als Grundlage der individuellen Existenzsicherung und darüber hinaus zur Akkumulation von Geld bzw. der Befriedigung von Sekundärbedürfnissen, verbunden mit Freizeitaktivitäten, Statusobjekten und Luxusgütern.

Es ergeben sich also nicht nur zwischen den Kulturen markante Unterschiede hinsichtlich ihrer Befriediger, sondern auch in ihrer sozio-ökonomischen Organisation. Beide Elemente bedingen sich hierbei gegenseitig. Im interkulturellen Kontext bedeutet dies, dass wirtschaftliche Prozesse stets im Zusammenhang mit sozialen Beziehungen und Institutionen sowie ihren Wertsystemen gesehen werden müssen. Während in den traditionellen Papuagemeinschaften keine wirtschaftlichen Einrichtungen wie Banken, Betriebe oder Versicherungen existieren und die Versorgung der Menschen mit Gütern und Leistungen den sozialen Institutionen Familie, Sippe oder Klan obliegen, ist in modernen Gesellschaften der rein wirtschaftliche Aspekt durch machtmäßig abgesicherte Rechte an den Produktionsmitteln weitgehend aus den sozialen Beziehungen ausgegliedert. Damit ist der Aspekt, der den gesamten Reproduktionskomplex gestaltet, das Besitzrecht an den Produktionsfaktoren, die Kapital akkumulieren bzw. den Mehrwert schaffen. Jenen Rechten an der Organisation der Produktionsprozesse und den Verfügungsmöglichkeiten an den Produkten kommt die entscheidende Steuerungsmöglichkeit für die Gestaltung der Wirtschaft und der gesamten Gesellschaft zu. Den Kern jeder sozialen Organisationsform bilden damit die Produktionsverhältnisse, die entweder individuellen oder gemeinschaftlichen Rechten unterliegen und dementsprechend dem Einzelnen oder der Gemeinschaft dienen. Solche individuellen Rechte erwirbt man im Allgemeinen durch Statusbildung oder Privilegien in wettbewerbs- und klassenorientierten Gesellschaften. In jenen politisch hierarchisierten Strukturen werden überwiegend die Rechte an den Produktionsmitteln auf diejenigen konzentriert, die gerade nicht das Land bearbeiten oder die Maschine bedienen. Doch welche soziale Komponente verbirgt sich hinter dem individuellen und gemeinschaftlichen Besitzrecht an den Produktionsfaktoren im interkulturellen Kontext? Und, welche Folgen hat es, vertritt man die These, dass die Zurichtung (Bearbeitung) eines Objektes (Werkstück) auch immer die Selbstzurichtung (Lernprozess, Stechuhr, Markt) des Subjektes (Arbeiter) zur Grundbedingung hat? Nicht nur die Selbstorganisation sondern ebenso das Spektrum der Bildung eines Individuums relativiert sich mit zunehmender Intensität der Arbeitsteilung. Ein Papua ist beispielsweise gleichzeitig Bauherr, Biologe, Landwirt, Werkzeugmacher etc., der moderne Mensch wohl kaum. Ein Computerspezialist kann sicher PC`s reparieren, der Natur seinen Lebensunterhalt abringen jedoch nicht. So bedarf es für den Papua nur einen intakten Lebensraum, für den Computerspezialisten aber einen Markt für seine einseitig angelernten Fähigkeiten. Damit sind auch die Einzelnen, von deren Geschick nicht mehr die Schaffung von Befriedigern abhängt, als Vereinzelte dem allgemeinen Zweck der Produktion von akkumulierbaren Mehrwert unterworfen. Keiner, weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer sind davon frei. Hierbei gibt es auch keine hinreichenden Unterschiede zum gescheiterten sozialistischen Modell einer modernen Gesellschaft. Die Austauschprozesse der erwirtschafteten Werte werden weder ausnahmslos an einer subjektiven Willkür, noch an der durch sie geschaffenen Struktur ausgerichtet. Aber alle unterliegen und realisieren lediglich den Leistungen und Waren objektiv inhärierende ökonomische Bestimmung, dem Wertgesetz.

Das zentrale sozialethische Problem liegt darin, dass das moderne Wirtschaftssystem dadurch den produktiven, lohnabhängigen Menschen als Objekt auf die gleiche Stufe stellt wie sachliche Produktionsfaktoren. Mit dieser Exklusion der sozialen Komponente aus den wirtschaftlichen Vorgängen einer Volkswirtschaft, zerbrach die natürliche Solidarität; die emotionale und sozial verbindliche Verteilungsgleichheit von Gütern und Leistungen gegenüber dem Subjekt. Diese strukturbedingte Ambivalenz der sozio-ökonomischen Komponenten in der modernen Wirtschaft musste folglich durch regulative Maßnahmen, die teilweise erkämpft, teils zugestanden wurden, kompensiert werden. Aber alle abgerungenen regulativen Maßnahmen ändern nichts an der Grundstruktur des kapitalistischen Systems. Sie enthauptet die soziale Marktwirtschaft als gewährtes Regulat des Mächtigen, weil die Reproduktionsmöglichkeit der Menschen von den durch sie geschaffenen und kontrollierten ökonomischen Eckpfeilern abhängig ist. Inwieweit diese regulative Kompensation fähig ist eine strukturell begründete Solidarität wie bei den Papua zu ersetzen, bleibt zumindest im Zeitalter des fortschreitenden Individualismus fragwürdig, weil ihr das subjektiv-soziale Äquivalent fehlt. Damit kann der Verlust der auf immanente soziale Verbindlichkeiten fußenden Solidarität in sogenannten Hochkulturen als der tiefgreifenste Wandel der menschlichen Existenzbedingungen angesehen werden.
Die Sprengung der natürlichen Schranken der Produktion, wie in den Industriegesellschaften, steht hierbei für die Abkehr von der Subsistenzwirtschaft.
Damit wandelten sich auch die Austauschvorgänge, die in der Subsistenzwirtschaft Produkte, in der modernen Gesellschaft jedoch primär die Arbeitskraft darstellen. Dem Wertgesetz folgend unterliegen und realisieren die Produkte der Subsistenzökonomie, wie auch die Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der modernen Produktionsgesellschaft lediglich den Leistungen und Waren objektiv inhärierende ökonomische Bestimmung.

Quellen:
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Debout, M. 1990: Kinder der Steinzeit? Edition aragon, Moers
James Lovelock 1996: Gaia. Die Erde ist ein Lebewesen. München
Hübner K. 1985: Die Wahrheit des Mythos. Beck, München
Neef, M. u.a. 1990: Entwicklung nach menschlichem Maß. Eine Option für die Zukunft, Kassel
Smith, Adam 1976: The Wealth of Nations. Chicago
Fischer H. (Hrsg.) 1998: Ethnologie. Einführung und Überblick. 4. Auflage, Dietrich Reimer Verlag, Hamburg
Holt, Thomas 1992: The Problem of Freedom, Johns Hopkins
Kuhne, F. 1995: Begriff und Zitat bei Marx. Lüneburg